“Mein Sohn sitzt in einer Box”


Familien in der Krise kritisiert unverhältnismäßige COVID-19 Maßnahmen an Schulen und fordert bessere Konzepte


Nachdem in einigen Bundesländern die Schule wieder gestartet ist, zieht die Initiative Familien in der Krise Resümee: Die Maßnahmen für Schülerinnen im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung sind nicht nur unverhältnismäßig, sondern teilweise schockierend. So liegen der Initiative nicht nur Berichte von Trinkverboten oder Kreislaufproblemen durch das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung vor. In mindestens einem Fall sitzen Erstklässler durch Plexiglaswände voneinander getrennt, um Kontakte gänzlich zu unterbinden. Familien in der Krise fordert eine sofortige Beendigung dieser Maßnahmen sowie die Erarbeitung alternativer Konzepte.

Eine Mutter erzählt der Initiative Familien in der Krise ausführlich über die ersten Schultage ihres sechsjährigen Sohnes:

„Mein Sohn sitzt zwischen zwei Mitschülern, durch Plexiglaswände getrennt. Man könnte sagen, er sitzt in einer Box. Wenn er seinen Platz verlässt, muss er seine Maske aufziehen. Wenn er Pipi muss, ist für seine Klasse eine Toilette auf dem Schulhof reserviert. Am ersten Schultag ist sein Klassenkamerad auf dem Weg dorthin gestürzt. Er hat sich nicht getraut der Lehrerin Bescheid zu geben. Kam dann nachmittags ins Krankenhaus. Schwere Prellung.

In der Nachmittagsbetreuung (OGS) sitzt mein Sohn auch in seiner Box. Kontakt mit den Mitschülern ist untersagt. Er darf aber mit sich selbst „Mensch ärger dich nicht“ spielen: Leider ist er zu jung, um die feine Ironie der Situation wahr zu nehmen. Er sagt, ihm tut ganz scheußlich der Popo weh. Vor dem Abholen hat er inzwischen Angst. Ich darf das Schulgebäude nicht betreten, er muss den Weg durch Treppen und Korridore, bis zum Schultor, wo ich ihn erwarte, selber finden. „…“ Mein Sohn ist sechs Jahre alt. Das ist seine erste Schulwoche. Ich finde, er leistet seinen Beitrag. Oder nicht?“

“Durch solche Maßnahmen werden eigentlich alle Bedürfnisse eines Erstklässlers frustriert: nach Bewegung, nach Bindung, Exploration der Umgebung. Das führt zu negativen Emotionen wie Angst und Unsicherheit und verhindert einen guten Schulstart”, zeigt sich Diane Siegloch, Mitgründerin der Initiative Familien in der Krise über diesen Fall schockiert. “Es ist unfassbar, was Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung zugemutet wird. Wir fordern eine sofortige Beendigung dieser Praxis.” Die betroffene Mutter hat auf der Suche nach einer Lösung Kontakt mit der Schulleitung aufgenommen.

Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung hat gesundheitliche Auswirkungen

Neben diesem Extrembeispiel sind auch die gängigeren COVID-19 Schutzmaßnahmen eine Belastung für die Schülerinnen. Einige Bundesländer denken in Zusammenhang mit dem allgemeinen Infektionsgeschehen über eine Maskenpflicht im Unterricht nach, wie in NRW bereits umgesetzt. Andere haben diese in Abwägung mit den psychologischen Faktoren bewusst nicht umgesetzt.
Die gesundheitlichen Folgen des Tragens einer Mund-Nasen-Bedeckung während eines mehrstündigen Schultages sind teils gravierend: Familien in der Krise liegen zahlreiche Berichte vor, in denen Schülerinnen von Schwindel, Kopfschmerzen, Herzrasen oder Übelkeit berichten. In Einzelfällen erlitten Kinder und Jugendliche sogar einen Kreislaufkollaps oder Hitzschlag.

Eine Mutter schreibt: “Erster Tag mit Maske geschafft. Fazit: starke Kopfschmerzen und Übelkeit bei meiner Tochter, siebte Klasse. Schwindel und Herzrasen bei meinem Sohn, neunte Klasse. Alle Masken sind durchtrieft. Das kann nicht gesund sein.”

Andere Eltern berichten sogar von Trinkverboten im Schulgebäude: “Dem Jungen wurde in der Grundschule wohl ziemlich übel am Vormittag, er bekam Kopfschmerzen. Kurz rausgehen, zum Luft holen, durfte er nicht. Ebenso wurde ihm das Trinken verwehrt, da er dafür ja seine Maske abnehmen müsste.”

Ein Oberstufenschüler erzählt auf Instagram: “Bei uns sind heute vier Leute umgekippt, drei haben sich übergeben.”

Corona-Einschränkungen treffen Kinder und Jugendliche am härtesten

Obwohl verschiedene Studien inzwischen darauf hinweisen, dass insbesondere jüngere Kinder keine Treiber der Pandemie sind und auch nur schwach an COVID-19 erkranken, haben sie enorm unter den Maßnahmen zur Bekämpfung zu leiden. “Die Beschränkungen für Kinder und Jugendliche stehen in keinem Verhältnis zu den Maßnahmen in der Gesamtbevölkerung. Es ist nicht akzeptabel, dass in allen Bereichen Lockerungen stattfinden, aber Kinder und Jugendliche beim Lernen und in ihrer sozialen Teilhabe derart eingeschränkt werden”, so Nele Flüchter, Gründungsmitglied der Initiative Familien in der Krise.

Von weiteren negativen, auch psychosozialen Folgen ganz zu schweigen: Maßnahmen wie das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung schränken die Kommunikation derart ein, dass Lernen und Mitarbeit im Unterricht massiv erschwert werden. Insbesondere eher introvertierte Schülerinnen oder Schülerinnen mit Einschränkungen könnten dadurch abgehängt werden. Das Unterbinden von sozialen Kontakten sowie Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit widerspricht den Bedürfnissen von Kindern und beschneidet deren Rechte. Dies kann Auswirkungen auf ihre psychosoziale Gesundheit haben.

Familien in der Krise fordert alternative Konzepte für den Betrieb von Bildungseinrichtungen

„Es ist an der Zeit, Bildung als wirtschafts- und zukunftsrelevanten Bereich anzuerkennen“, meint Gründungsmitglied Diane Siegloch. „Wie kann es sein, dass es nach sechs Monaten in keinem Bundesland ausgereifte, verhältnismäßige Konzepte für einen Schulbetrieb in Corona-Krisenzeiten gibt?“

Familien in der Krise fordert daher einheitliche, verbindliche und praxistaugliche Lösungen, die sowohl einen verhältnismäßigen Gesundheitsschutz vor COVID-19 als auch einen verlässlichen Schulbetrieb sicherstellen. Die Bereitstellung von finanziellen Mitteln für Hygienemaßnahmen wie zusätzliches Reinigungspersonal, Umbau von Fenstern für eine ausreichende Belüftung der Klassenzimmer oder der Einbau von Luftfilteranlagen sind nach Ansicht der Initiative das Mindeste.

Darüber hinaus braucht es jedoch dringend mit Expertinnen ausgearbeitete, kreative Konzepte für eine funktionierende Lehre in Pandemie-Zeiten. Mögliche Ideen sind kleinere und geschlossene Klassenverbände, der Einsatz von Lehramtsstudentinnen in der aktiven Lehre oder die kreative Suche nach Räumlichkeiten. In Dänemark beispielsweise wird der Unterricht in lehrstehenden Messehallen oder Stadien abgehalten. Auch ein versetzter Unterrichtsbeginn für einzelne Klassenstufen ist denkbar, um Menschenansammlungen in Schulgebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln zu verringern.

Sollte das Infektionsgeschehen als letztes wirksames Mittel das Schließen einzelner Klassen oder Bildungseinrichtungen verlangen, muss ein Hybridunterricht oder qualitativ hochwertiger Fernunterricht gewährleistet werden, der dem Präsenzunterricht ebenbürtig ist. Auch dafür braucht es ausgereifte Konzepte, die altersgerecht umgesetzt werden können.

“Dass sich die Realität außerhalb und innerhalb der Schule so stark unterscheidet, können wir von Familien in der Krise nicht hinnehmen”, sagt Nele Flüchter. “Es darf nicht sein, dass der so wichtige Bereich Bildung und das Leben von Kindern und Jugendlichen durch COVID-19 derart eingeschränkt werden, um den Rest der Gesellschaft zu schützen. Wenn, dann müssten die Erwachsenen sich selbst zugunsten der Kinder und Jugendlichen stärker schützen, um die Pandemie zu bekämpfen.”

Die Position der Initiative Familien in der Krise zum prophylaktischen Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Unterricht

Familien in der Krise sieht das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung generell als wirksame Schutzmaßnahme gegen die Ausbreitung des COVID-19 Virus an. Entsprechend der Stellungnahme der Deutscher Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) lehnen wir jedoch das prophylaktische Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Unterricht sowie auf dem Schulhof im Freien ab. Das kurzfristige Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes innerhalb des restlichen Gebäudes (Eingangsbereich, Flure, Sanitäranlagen) halten wir für Schülerinnen der weiterführenden Schulen für zumutbar.

Hier die Presseerklärung zum Download: