Das neue Schuljahr hat begonnen. Wir begrüßen ausdrücklich, dass das Kultusministerium den ursprünglichen 4-Stufen-Plan noch einmal überarbeitet hat. Doch abgesehen von der Streichung des sehr niedrigen Grenzwertes von ursprünglich 20 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner bietet der neue 3-Stufen-Plan für Schulen keine Verbesserungen und muss aus unserer Sicht erheblich nachgebessert werden. Familien in der Krise kritisiert konkret die folgenden 5 Punkte:

1. Die Schulen in Bayern starten heute zwar im Regelbetrieb. Doch SchülerInnen ab der 5. Klasse müssen auch nach den ersten neun Tagen eine MNB im Unterricht tragen, wenn von der lokalen Gesundheitsbehörde mindestens Stufe 2 (Grenzwert von 35 Infektionen/100.000 Einwohner) ausgerufen wird. Die Konsequenz: die SchülerInnen müssen einen kompletten Schultag lang, also 5-8 Stunden, ohne auch nur eine kurze Pause, eine MNB tragen. Denn die Pflicht zum Tragen einer MNB besteht nicht nur im Gebäude, sondern auch draußen auf dem Schulhof. Auch dann, wenn eine Kohortierung bzw. feste Gruppenbildung der Kinder erfolgt und auch in einer anschließenden Nachmittagsbetreuung. LehrerInnen müssen nach den ersten neun Tagen keine MNB tragen, wenn sie am Pult im Klassenzimmer stehen – unabhängig von der Corona-Warnstufe. Unklar ist, warum das nicht auch für SchülerInnen gelten soll. Absurd wird die Regelung zur MNB im Unterricht dann in Stufe 3 (ab 50 Neuinfektionen/100.000 Einwohner): für SchülerInnen ​aller ​Jahrgangsstufen gilt dann wieder das Abstandsgebot im Klassenraum, was im Normalfall wieder geteilte Klassen und einen Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht bedeutet. Die MNB muss aber trotzdem aufbleiben. Auch Grundschulkinder müssen dann also im Unterricht eine MNB tragen, zusätzlich zum Mindestabstand. Für das Lehrpersonal reicht weiterhin 1,5 m Abstand, ohne MNB.

2. Bautechnische Mängel an Schulen wurden in den Sommerferien nicht systematisch behoben, Klassenräume nicht ausgestattet mit CO2-Ampeln oder Luftfiltern. Es gibt keinerlei Anstrengungen bei der Anmietung zusätzlicher Räume und Einstellung zusätzlichen Personals (z.B. Lehramts-StudentInnen), um die Klassengröße zu verringern. Die vom Kultusministerium ausgeschriebenen Team-Teaching-Stellen sollen lediglich den zusätzlichen Bedarf decken, der durch den Ausfall von LehrerInnen aus den Risikogruppen entsteht. Pädagogik und Infektionsschutz werden somit auch im neuen 3-Stufen-Plan gegeneinander ausgespielt.

3. Die Beschaffung von 370.000 Laptops für LehrerInnen und SchülerInnen ist keine Digitalstrategie. Auch ein sehr knapp gehaltenes Papier mit dem Titel “Rahmenkonzept für den Distanzunterricht” hinterlässt mehr Fragen als Antworten darauf, was denn passiert, wenn ein Teil des Unterrichts wieder nur daheim erfolgen soll.

4. Das allgemeine Infektionsgeschehen in einem Landkreis ist weiterhin ausschlaggebend für die Hygiene-Maßnahmen in Schulen. Es ist unerheblich, ob eine Schule tatsächlich konkret durch einen Verdachtsfall betroffen ist. Die Maßnahmen des 3-Stufen-Plans sind also rein prophylaktisch. Vor diesem Hintergrund kritisieren wir, dass die Maßnahmen vollkommen unverhältnismäßig sind.

5. Die 7-Tage-Inzidenz und damit die Corona-Warnstufe basiert weiterhin auf einem einzelnen Wert: der absoluten Anzahl positiv getesteter Personen/100.000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage. Nicht berücksichtigt wird die absolute Anzahl der durchgeführten Tests oder die tatsächliche Belegung von für Covid-19 Patienten vorgesehenen Krankenhausbetten. Österreich ist hier schon sehr viel weiter und berücksichtigt diese zusätzlichen Kennzahlen bei Entscheidungen zu Einschränkungen.

Familien in der Krise Bayern hält fest, dass die im 3-Stufen-Plan festgelegten prophylaktischen Maßnahmen vollkommen unverhältnismäßig SchülerInnen und deren Familien belasten. Über die Effektivität der Maßnahmen zum Infektionsschutz an Schulen (MNB, Abstand im Unterricht) gibt es keine verlässliche Datenbasis. Bekannt ist nur, dass Schulen sich weder in Deutschland, noch in den Nachbarländern zu einem Treiber der Pandemie entwickelt haben, unabhängig von MNB oder Abstand zwischen den SchülerInnen im Unterricht. Gleichzeitig sind die negativen Effekte dieser Maßnahmen offensichtlich und belegt. Wir sind davon überzeugt, dass ​Infektionsschutz notwendig ist, um unserer Gesellschaft den notwendigen Schutz vor Corona zu bieten. Allerdings fordern wir, dass dieser nicht das einzige oder vorrangige Kriterium bleiben darf, wenn es um den Betrieb von Bildungseinrichtungen geht. Es müssen weiterhin Aspekte der Chancengleichheit, der Pädagogik und der Persönlichkeitsbildung berücksichtigt werden – ​zusammen ​mit Aspekten
des Infektionsschutzes, und nicht erst nach diesem.

Wir fordern einen grundsätzlichen Prioritätenwechsel: Kinder sollten in dieser Gesellschaft nicht die Erwachsenen schützen müssen, sondern die Erwachsenen sollten die Kinder schützen und ihnen ein normales Aufwachsen und beste Bildungschancen ermöglichen.