Viele Familien mit Schulkindern starteten mit Freude, aber auch mit großer Unsicherheit in das neue Schuljahr. Die Regelung zu den Gesundheitsbestätigungen, die vielerorts fehlenden Informationen zu Stundenplänen, Betreuungsangeboten, Arbeitsgemeinschaften und Schulverpflegung sorgen für Unzufriedenheit. Verärgert sind viele Eltern wegen den unterschiedlichen Umsetzung der Hygieneregelungen an den einzelnen Schulen. „Mama, Schule ist toll! Corona war kein Thema außer beim Singen, da muss Abstand sein“, so fröhlich durfte ein Mitglied der Initiative „Familien in der Krise“ (FidK) ihr Grundschulkind zu Hause begrüßen. Auch andere Familien berichten, dass sich die Kinder und Jugendlichen nach den Ferien und der langen Zeit der Schulschließungen sehr auf Freunde, Mitschüler*innen und Lehrkräfte – kurz: den Schulalltag – freuen.

Gesundheitserklärung sorgt für Chaos, Ausgrenzung und Frust

Das Kultusministerium hat die Gesundheitserklärung für die Schüler erst spät bereitgestellt und an die Schulen weitergeleitet. Dies sorgte für Unmut bei den Eltern. Manche Schulen verwendeten stattdessen veraltete und datenschutzrechtlich problematische Formulare 1. Die Bereitstellung der Dokumente an die Eltern erfolgte zum Teil chaotisch per E-Mail, Brief oder Veröffentlichung auf der Website. Die Sprecherin der Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) verkündete, dass es ausreichend sei, die Erklärung im Laufe der ersten Schulwoche nachzureichen 2. Dennoch erreichten die Initiative FidK mehrere Berichte über Ausgrenzung und Demütigungen von Kindern, deren Eltern die Unterschrift oder das Formular vergessen hatten. „Kinder mussten die Klasse wieder verlassen und alleine im Pausenhof mit MNB und Ranzen auf ihre Eltern warten. Andere berichten, dass diese Kinder nur mit MNB im Klassenzimmer bleiben durften, wiederum andere Schulen schickten die Schüler*innen nach Hause“, berichtet Ekaterina Bondarenko, Gründungsmitglied der Landesgruppe Baden-Württemberg: „Kinder, die mit Freude gestartet hatten, wurden für ein Fehlverhalten bestraft, für das sie nicht verantwortlich sind.“

Familien in der Krise fordert das Kultusministerium auf, Alleingänge der Schulen zu unterbinden

Auch in der Auslegung der Hygieneregeln und der Corona-Verordnung scheinen Schulleitungen erstaunlich kreativ zu sein“ zieht Zarah Abendschön-Sawall, Pressesprecherin der Landesgruppe Baden-Württemberg von FidK, Bilanz. Viele Schulen würden mit spielerischen Elementen arbeiten, um Hygieneregeln zu erklären, und hätten pragmatische Lösungen für den Schulalltag erarbeitet, wie z.B. wechselnde Projektarbeiten je Jahrgang, anstatt jahrgangsübergreifende Arbeitsgemeinschaften ersatzlos zu streichen. Andere Eltern würden von emotionalem Druck auf Kinder berichten wie die Empfehlung auch im Klassenzimmer während des Unterrichts Masken zu tragen, z.B. wenn sie von ihrem Platz aufstehen. „Die Lehrkräfte fordern von den Kindern Solidarität, verweisen auf erneute drohende Schulschließungen oder erläutern ihnen, dass sie andere gefährden, wenn die Hygieneregeln nicht eingehalten werden“, sagt Abendschön-Sawall: „Auf dem Pausenhof gibt es Vierecke für jede Klassenstufe und die Lehrer pfeifen, wenn man keine Maske aufhat oder die Grenze überschreitet“, berichtet uns eine Mutter vom neuen Schulalltag am Gymnasium ihrer Kinder. An einigen Grundschulen wird über die geltende Verordnung hinaus von Schulleitungen eine Maskenpflicht angeordnet oder der Wunsch geäußert, dass eine MNB getragen wird. Dies geschieht obwohl Schulleitungen wissen, dass dies über ihre Kompetenzen hinausgeht.3Wenn Schulleitungen auch in Grundschulen strenge und über die Verordnung hinausgehende Hygieneregeln schriftlich wünschen, habe das aufgrund des Machtgefälles zwischen Lehrkräften und Grundschulkindern auch keinen freiwilligen Charakter mehr“, fügt sie hinzu. Eine Maskenpflicht im Freien auf dem Pausenhof von weiterführenden Schulen wie in der Verordnung vorgeschrieben, entbehrt aus Sicht von Familien in der Krise jeglicher Sinnhaftigkeit: „Im Freien ist die Wahrscheinlichkeit einer Virusübertragung deutlich reduziert. Ausgerechnet dort Masken zu verlangen und erst recht wenn die einzelnen Klassen auch noch räumlich oder zeitlich getrennt werden, erschwert Kindern den Schulalltag ohne Nutzen für den Infektionsschutz“, betont Abendschön-Sawall.4 Diese Übererfüllung der Corona-Verordnung an Schulen zu Lasten der Kinder muss das Kultusministerium dringend und zeitnah unterbinden, fordert „Familien in der Krise“.

Schulausfälle, unklare Verpflegungssituation und Schülerbeförderung, gekürzte Betreuung und fehlende Unterstützungsangebote belasten Familien weiterhin stark

Nach den ersten Schultagen sind viele Themen weiterhin ungeklärt: Erst letzte Woche hatte das Kultusministerium zugesagt, zusätzliche Schulbusse zu finanzieren, um Abstände auch im Schülertransport sicherzustellen. Zum Schulstart indes waren die Busse und Bahnen wie gewohnt überfüllt, zudem berichte Eltern über Ausfällen von Bahnen in den Stoßzeiten. „Wie die Ölsardinen“ berichtet ein Lehrer werden Kinder in den Bahnen zur Schule transportiert.

Auch die Verpflegung ist an vielen Schulen noch ungeklärt. Die Initiative erreichten Berichte von Verboten, das Schulgelände während der Schulzeit inklusive Mittagspause zu verlassen bei gleichzeitig eingeschränktem Mensabetrieb. An zahlreichen Schulen ist der Essensverkauf eingestellt. Durch die Maskenpflicht auf Pausenhöfen an weiterführenden Schulen gelten teils strenge Regeln, wann gegessen und getrunken werden darf. „In der kurzen Pause dürfen wir essen (Anmerkung: diese dauert 10 Minuten), in der langen Pause müssen wir auf den Schulhof und dürfen dort wegen der MNB-Pflicht nichts essen“, berichtet uns eine Schülerin eines Gymnasiums im Landkreis Heilbronn. „Es muss dringend die Verpflegung an den Schulen sichergestellt werden, erst recht an Schulen mit Kindern aus Familien mit weniger Ressourcen“, fordert die Initiative. Wichtig sei es auch zeitnah Bildungslücken von Schülern zu erfassen und durch Angebote wie Förderunterricht oder Nachhilfestunden zu schließen.

Chaotische Verhältnisse herrschen vielerorts in der erweiterten Kernzeit, im Hort und den Zusatzangeboten wie AGs – in Elternbriefen wird dabei als Erfolg verkauft, dass überhaupt eine Betreuung zustande kommt.

Sechs Monate nach der ersten Corona-Schulschließung hätten wir uns einen gut vorbereiteten Start gewünscht anstelle zahlreicher Stolpersteine“, so Zarah Abendschön- Sawall, Pressesprecherin der Landesgruppe Baden-Württemberg von FidK. „Das Kultusministerium muss jetzt dringend die praktischen Erfahrungen der ersten Schultage systematisch aufarbeiten und daraus pragmatische Handlungsanweisungen für Schulen und, wo nötig, Verbesserungen in der Corona-Verordnung ableiten.“

Das fordert Familien in der Krise Baden-Württemberg:

  1. Das Kultusministerium muss dafür Sorge tragen, dass Schulen die Corona-Verordnung umsetzen und nicht im Alleingang zusätzliche Maßnahmen beschließen!
  2. Die Schülerbeförderung muss dringend verbessert werden!
  3. Die Analyse der Bildungslücken muss zeitnah erfolgen. Es muss sichergestellt werden, dass diese aufgearbeitet werden, z.B. mit Nachhilfeangebote und Förderunterricht!
  4. Die Schulverpflegung muss vor allem an Brennpunktschulen und für Kinder aus Familien mit geringen Ressourcen umgehend sichergestellt werden!
  5. Die Schulträger müssen nach mehr als sechs Monaten Pandemie endlich bauliche und räumliche Maßnahmen zum Infektionsschutz umsetzen, z.B. weitere Räumlichkeiten anmieten, Belüftungskonzepte wie Filteranlagen, renovierte Fenster usw. installieren!

1 Siehe Stellungnahme des Landesdatenschutzbeauftragten

2 „FAQ Corona“ auf der Webseite des Kultusministeriums

3 SWR aktuell: Schulleiter der Gesamtschule Ditzingen setzt Maskenpflicht an Grundschule um, entgegen der gelten Verordnung des Landes Baden-Württemberg

4 Empfehlung Kinderärzte und Hygieniker zur Maskenpflicht an Schulen


Quellen:

  • Zitat des Schulleiters von Ditzingen „Deswegen haben wir bei uns in der Schule beschlossen, dass ein Großteil der Regeln die für die Sekundarstufe gilt auch für die Grundschule gelten. Nun konnten wir das nicht ganz durchsetzen, weil das dürfen wir eigentlich nicht, aber wir haben mit den Eltern gesprochen und die waren eigentlich damit einverstanden, dass zu mindestens die Maskenpflicht im Gebäude und auf dem Schulhof auch für die Kinder der Grundschule gilt, solange sie in der Pause sind.“ Gesehen in SWR aktuell gesehen auf: https://www.facebook.com/watch/live/?v=396639711317384