Sehr geehrter Herr Kuhn,
sehr geehrter Herr Prof. Ehehalt,

als bundesweite Initiativen „Kinder brauchen Kinder“ und “Familien in der Krise” setzen wir uns für die Rechte von Kindern und Familien ein und verfolgen deshalb die derzeitigen Maßnahmen bei steigendem Infektionsgeschehen aufmerksam, um eine Wahrung eben dieser Rechte in Zeiten der Corona Pandemie sicherzustellen.

Wir begrüßen es ausdrücklich, dass bei steigenden Infektionszahlen geeignete Maßnahmen zielgerichtet getroffen werden, um das Ausbruchsgeschehen lokal zu kontrollieren. Gleichwohl setzen wir uns dafür ein, dass die bei Kindern und Jugendlichen getroffenen Maßnahmen verhältnismäßig sind in Relation zu den für die Gesamtbevölkerung getroffenen Maßnahmen, zur Bedeutung des elementaren Rechts auf Bildung und zur Rolle der Kinder in der Pandemie, die ja nun nach aktuellem Stand der Wissenschaft nicht als Treiber zu sehen sind​[​1].​ ​Inakzeptabel ist es für uns deshalb, wenn ausgerechnet Kinder und Jugendliche besonders starke Maßnahmen hinnehmen müssen.

Sehr verwundert sind wir daher über die ergriffenen Maßnahmen der ab dem 14.10.2020 geltenden Allgemeinverfügung der Stadt Stuttgart: Neben Beschränkungen im Bereich Party und Feier (Sperrstunde, Alkoholausschank, Beschränkung bei privaten Feiern etc.)

wird das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen auch im Unterricht ab Klassenstufe 5 verpflichtend. Das legt die Vermutung nahe, dass Partys und Schulen die von Ihnen als besonders gefährlich eingeschätzten Situationen sind. Wie wir mittlerweile wissen, tragen Kinder wenig zum Infektionsgeschehen bei: “Es ist (…) anzunehmen, dass die Inzidenz in Kitas und Schulen in der Regel unter der allgemeinen Inzidenz im zugehörigen Landkreis liegt.”​[​2]

Demgegenüber stellt die Maske im Unterricht für Schüler:innen eine erhebliche Beeinträchtigung dar: Sei es beim Erlernen von Fremdsprachen, in der sozialen Interaktion ohne Mimik in der Klassengemeinschaft oder mit der Lehrkraft, die Benachteiligung von Schüler:innen mit schlechten Deutschkenntnissen, Auswirkungen auf schüchterne Schüler:innen, die noch mehr „verschwinden“, die Wahrnehmung des Lernorts Schule als besondere Gefahrenzone statt als positiver Lernort, Konzentrationsprobleme etc.​​[​3] Dass es aus pädagogischer Sicht ein schwerwiegender Eingriff ist, steht sicher außer Frage. Ergänzend dazu ist aufgrund der CoronaVO des Landes Baden-Württemberg Paragraph 3 Abs. 6 das Tragen der MNB darüber hinaus auch verpflichtend auf „Begegnungsflächen, insbesondere Fluren, Treppenhäusern, Toiletten, Pausenhöfen“ – selbst wenn sich die Schüler:innen innerhalb ihrer Kohorte, räumlich getrennt von anderen wie von der CoronaVO Schule vorgesehen, dort aufhalten. Es tritt also de facto eine pausenlose MNB-Pflicht (inklusive Schulweg bei Nutzung des ÖPNV) in Kraft. Aufgrund der schwerwiegenden Nachteile der MNB-Pflicht im Unterricht in Relation zum mutmaßlich geringen Nutzen in der Pandemiebekämpfung sind wir der Meinung, dass diese Maßnahme nur im absolut notwendigen Fall vorgenommen werden darf, wenn Einschränkungen in anderen Bereichen ergriffen wurden und keine Wirkung zeigen.

Die Entzerrung des ÖPNV als Ziel, um nicht nachverfolgbare Kontakte gerade zu Hauptverkehrszeiten zu reduzieren, begrüßen wir als eine sinnvolle Maßnahme, weitgehend ohne negative Auswirkungen. Doch auch hier stellen wir uns die Frage, weswegen es eine ausschließliche Fokussierung auf Schüler:innen gibt: Wäre es nicht genau so eine Maßnahme, Unternehmen um wieder verstärktes HomeOffice zu bitten, was die Personenzahl im ÖPNV ebenfalls stark reduzieren würde?

Durch die Konzentration auf den Schulbereich entsteht aus unserer Sicht das falsche Bild, dass Schulen ein ganz besonders gefährlicher Ort sind. Dies wurde zwischenzeitlich vielfach widerlegt: Eine aktuelle Studie des IZA besagt sogar, dass das Ende der Sommerferien zu einer Reduktion des Infektionsgeschehens im Umfeld der Altersgruppe von Schülern und deren Eltern geführt hat.​[4]​ Der Anteil der Neuinfektionen in der Altersgruppe der Schüler:innen sinkt bundesweit seit vielen Wochen im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.[​5]

Wir fordern Sie daher dazu auf, die Maßnahme der Mund-Nasen-Bedeckung an weiterführenden Schulen schnellstmöglich aufzuheben und den Schüler:innen und Lehrer:innen nicht weiterhin Lernen unter besonders erschwerten Bedingungen zuzumuten. Hier wurden an der falschen Stelle aktionistisch Maßnahmen verhängt.

Wir wünschen der besonders betroffenen Stadt Stuttgart ein möglichst rasches Eindämmen der Infektionszahlen und plädieren für einen Infektionsschutz, der weniger von Aktionismus geprägt ist, sondern sich auf die richtigen Prioritäten fokussiert, eine

gute Verhältnismäßigkeit wahrt und sich an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Dynamik der SARS-CoV-2-Infektion orientiert.

Mit freundlichen Grüßen,

Carola Schneider
für die Initiative “Kinder brauchen Kinder”

Zarah Abendschön-Sawall
für die Initiative „Familien in der Krise“


[1] https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/corona-covid-ansteckung-kinder-sars-cov- 2-1.5045262

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Praevention-Schulen.pdf?__blob=publicationFile

[2] https://www.dakj.de/allgemein/massnahmen-zur-aufrechterhaltung-eines-regelbetriebs-und-zur-praevention-von-sars-cov-2-ausbruechen-in-einrichtungen-der-kindertagesbetreuung-oder-schulen-unter-bedingungen-der-pandemie-und-kozirkulat/#_Toc47365742

[3] Quellen zu Auswirkungen von Maskenpflicht im Unterricht:

Generalsekretär der Akademie für Kinder- und Jugendmedizin zur Maskenpflicht im Unterricht:
https://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/maskenpflicht-im-unterricht-ist-unsinn-angst-der-lehrer-ueberzogen-1545117.html
Empfehlung der WHO zu MNB bei Kindern: https://www.who.int/news-room/q-a-detail/q-a-children-and-masks-related-to-covid-19
Stellungnahme des DAKJ zur MNB-Pflicht im Unterricht in NRW im August: https://www.dakj.de/stellungnahmen/appell-an-das-land-nordrhein-westfalen-hygienefehler-und-benachteiligung-von-kindern-zu-beenden/
Logopädin zu MNB im Unterricht:
https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-eine-permanente-maske-im-unterricht-ist-eine-zumutung-_arid,1926871.html
Leiterin des Bereichs Sprechwissenschaft am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Uni Leipzig zu MNB im Unterricht: https://www.spiegel.de/panorama/bildung/corona-maskenpflicht-im-schul-unterricht-die-schuechternen-werden-verschwinden-a-51d2fc4c-6296-4785-84b4-c6628b04df90

[4] https://newsroom.iza.org/de/archive/research/school-re-openings-after-summer-breaks-in-germany-did-not-increase-sars-cov-2-cases/

[5] https://www.jmwiarda.de/2020/10/01/wie-sind-die-zahlen/