14. Oktober 2020 – Entgegen aller Versprechen der Politik wird mit steigenden Corona Infektionszahlen eines klar: Bildung hat in Niedersachsen keine Priorität. Während anderswo Millionenbeträge investiert werden, lautet der Masterplan des niedersächsischen Kultusministeriums für Schulen: Lüften. Die Landesgruppe Niedersachsen von Familien in der Krise kritisiert die mangelnde Planung und Einfallslosigkeit der Verantwortlichen und fordert umfassende Maßnahmen zur Sicherstellung des Bildungsauftrags.

Es wird kalt in Niedersachsens Klassenzimmern

Mit großen Worten und einem umfassenden Corona-Krisenkonzept ist Niedersachsens in das neue Schuljahr gestartet. Das Schließen von Bildungseinrichtungen dürfe nur das letzte Mittel der Wahl sein. Präsenzunterricht und der Lebensraum Schule müssten geschützt werden, so Kultusminister Grant Hendrik Tonne noch vor wenigen Wochen. Doch davon ist zu Beginn der Erkältungssaison nicht mehr viel zu hören. Stattdessen werden mit steigendem Infektionsgeschehen fast reflex-artig Bildungseinrichtungen geschlossen oder Fernunterricht angeordnet wie zuletzt in Friesland, Lemwerder oder Delmenhorst geschehen. 

„Herr Tonnes Plan funktioniert nicht“, stellt Sina Denecke von der niedersächsischen Landesgruppe der Initiative Familien in der Krise fest. Aber anstatt nachzubessern und mit umfassenden Maßnahmen Unterricht in Niedersachsen sicherzustellen und damit Schulen und Lehrer zu unterstützen, schreibt das Kultusministerium einen Brief an die Schüler und empfiehlt ihnen, nach den Herbstferien warme Kleidung mitzubringen. Es wird kalt im Klassenzimmer, durch häufiges Lüften soll die Ansteckungsgefahr reduziert werden. „Das klingt wie ein schlechter Scherz. Nicht nur, dass sich in vielen Schulen die Fenster gar nicht öffnen lassen. Wir sind schockiert über so viel Einfallslosigkeit. Den Worten des Kultusministeriums müssen endlich Taten folgen. Wir fordern von den Verantwortlichen, dass sie alle Hebel in Bewegung setzen, um dem Bildungsauftrag gerecht zu werden“, kritisiert Sina Denecke. 

Familien in der Krise fordert ernsthafte Lösungsansätze 

Das Recht auf Bildung darf nicht einfach so ausgesetzt werden, zumal in vielen Fällen der Entfall von Präsenzunterricht einen kompletten Unterrichtsausfall oder die Rückkehr zum Home Schooling bedeutet. In einem der Fälle, die Familien in der Krise vorliegen, findet in der 7. Klasse eines Gymnasiums in Hannover quasi kein Geschichtsunterricht mehr statt. Der Lehrer, Risikopatient, unterrichtet von zu Hause, indem er die Schüler jede Woche ein paar Seiten im Schulbuch lesen lässt. Telefonkonferenzen werden mit der Begründung abgelehnt, da ihm dafür sowohl die technischen Voraussetzungen als auch das Knowhow fehlen würden.

Die Initiative Familien in der Krise fordert daher umfassende und kreative Maßnahmen, die einen Präsenzunterricht und effektiven Gesundheitsschutz sicherstellen. Bayern beispielsweise stellt 37 Millionen Euro für die Anschaffung von CO2-Sensoren und mobilen Luftreinigungsgeräten in Schulen bereit. Denecke: „Wir fragen uns: Wie kann es sein, dass anderswo Millionen in die Anschaffung von Filteranlagen investiert werden, während Niedersachsens Schülern geraten wird, sich warm anzuziehen?“ 

Auch die aktuellen Quarantäne-Bestimmungen sorgen für Unverständnis bei Familien und Lehrern. Ein Verdachtsfall reicht aus, um komplette Jahrgänge und Lehrerkollegien für mehrere Tage außer Kraft zu setzen. Die Initiative fordert: Tests für Schüler und Lehrer müssen priorisiert und bei einem negativen Ergebnis muss eine schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht ermöglicht werden. Auch die Kontaktverfolgung bei einem bestätigten Covid-19 Fall muss gezielter erfolgen.  

Bildung darf nicht zur Lotterie werden 

Ein versetzter Unterrichtsbeginn hat sich bereits bewährt und wird sogar vom Kultusministerium empfohlen. „Mit Blick auf andere Bundesländer sind wir froh, dass Grant Hendrik Tonne in Niedersachsen einen eher verhältnismäßigen und durchdachten Ansatz beim Krisenmanagement hat. Es wäre nur hilfreich, wenn er weniger wünschen und empfehlen als vielmehr sinnvolle Maßnahmen durchsetzen würde“, Sina Denecke dazu. Denkbar ist auch, die Kohorten weiter zu verkleinern, beispielsweise durch mehr Personal und zusätzliche Räumlichkeiten. Andere Länder wie Dänemark machen es vor: Dort wurden Stadien oder leerstehende Messehallen für den Unterricht genutzt. Lehramtsstudenten könnten bei Personalmangel unterstützen.  

Nach Ansicht von Familien in der Krise ist es überdies nicht sinnvoll, die verschiedenen Szenarien für Schulen und somit Schulschließungen an das generelle Infektionsgeschehen in den Landkreisen zu knüpfen. Schließlich betont Grant Henrik Tonne selbst, dass Bildungseinrichtungen keine Hot Spots im Infektionsgeschehen darstellen.  

Besonders viel Verbesserungsbedarf sieht die Familieninitiative bei der Durchführung des Fernunterrichts. „Es ist kein Geheimnis, dass die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen verschlafen wurde“, resümiert Sina Denecke. „Es fehlt quasi an allem. Aber selbst wenn Herr Tonne morgen ein umfassendes Förderprogramm für qualitativ hochwertigem Fernunterricht vorlegt, wird es Jahre dauern, bis es wirklich greift. Daher muss zuerst mit allen Mitteln der Präsenzunterricht kombiniert mit effektivem Gesundheitsschutz gewährleistet werden. Wir können nicht zulassen, dass Bildung in Niedersachsen zur Lotterie wird.“ 

Kontakt

Sina Denecke, Familien in der Krise Niedersachsen 
T: 0176-61155763 
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