Schulen müssen offen bleiben! Priorität für Bildung – und Präsenzunterricht auch in Zeiten von Corona

Dass Kinder und Jugendliche in Schulen gehen können, genieße oberste Priorität. Das zumindest betonten in den vergangenen Wochen alle Politiker:innen – von der Bundeskanzlerin bis hin in die einzelnen Landesregierungen. In den kommenden Wochen müssen die Entscheidungsträger:innen – unter dem Druck steigender, nicht durch Bildungsinstitutionen verursachter Infektionszahlen – beweisen, dass es sich bei dieser Aussage nicht um eine leere Worthülse handelt.

Schulen sind nicht nur systemrelevant, sie sichern auch die Zukunft unseres Landes“, so Tobias Oelbaum für die bundesweiten Initiativen Familien in der Krise und Kinder brauchen Kinder. „Ihre verlässliche Öffnung muss nicht nur bei politischen Reden oberste Priorität haben.“ Trotzdem sind in der Corona-Pandemie die Schulen mit als erste Einrichtungen geschlossen und bis zu den Sommerferien nur sehr vorsichtig wieder geöffnet worden. Die negativen Folgen  sind nicht nur für Familien bis heute spürbar, sondern sie sind auch für Deutschland als Wirtschaftsstandort in einer Studie des ifo-Instituts eindeutig beziffert worden.

Inzwischen sind die Schulen zwar wieder zum Regelbetrieb (unter Pandemiebedingungen) zurückgekehrt. Angesichts steigender Infektionszahlen wird allerdings von mehreren Seiten eine Teilschließung von Schulen und eine Rückkehr zum (teilweisen) Distanzunterricht gefordert. Erste Regionen wie beispielsweise die bayerischen Landkreise Regen und Berchtesgaden haben den Wechsel zwischen Distanz- und Präsenzunterricht bereits angekündigt. Nach wie vor wird ignoriert, dass Schulen keine Treiber der Pandemie oder Superspreading-Events sind, sondern als sichere Orte angesehen werden können.

Diese Tatsache wurde nicht nur von vielen Ärzt:innen und den Kultusminister:innen, sondern auch vom RKI festgestellt. Seit Beginn des Regelbetriebs ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die sich mit Covid-19 infiziert haben im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerungsgruppe sogar leicht rückläufig. Eine Studie, die die Infektionsverläufe nach dem Ende der Sommerferien in den einzelnen Bundesländern ausgewertet hat, kam zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Schulöffnungen nicht zu einem Anstieg der Corona-Infektionen geführt haben.Zum 08.10. wurden für Bayern etwa 330 Schulkinder als mit Covid-19 infiziert gemeldet. Bei 1,65 Millionen Schüler:innen in ganz Bayern entspricht das einem 14-Tage Inzidenzwert von 20.  Im gleichen Zeitraum wurden im Freistaat knapp 5000 Infizierte gemeldet, die 14-Tage Inzidenz liegt somit bei der Restbevölkerung bei knapp 41 und damit doppelt so hoch. Gleiches lässt sich auch in anderen Bundesländern und für ganz Deutschland beobachten.

Vor allem aber sind Ansteckungen innerhalb von Schulen nur in Ausnahmefällen bekannt. In den meisten Fällen wird das Virus in die Schulen hineingetragen, breitet sich dort aber nicht weiter oder nur sehr geringfügig aus. Dies zeigt sich zum Beispiel an einem Fall in Bielefeld, wo nach einer Familienfeier 17 Kinder und Jugendliche infiziert waren und das Virus in die Schule hineintrugen. Nach einer Reihentestung von 800 Schüler:innen und 150 Lehrer:innen wurden nur sechs weitere Fälle entdeckt. In 12 Klassen wurde das Virus überhaupt nicht weitergegeben.

Die geringeren Fallzahlen unter Schüler:innen sowie die geringe Verbreitung an Schulen zeigt nicht nur, dass sich jüngere Kinder seltener mit dem Virus anstecken als Erwachsene und mildere Krankheitsverläufe haben. Es beweist auch, dass die aktuell geltenden Hygienevorschriften an den Schulen funktionieren. Schulen sind auch in der Zeit der Pandemie sichere Orte.

Eine Rückkehr zum Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht wäre vor diesem Hintergrund in keiner Weise verhältnismäßig. Es ist schon zweifelhaft, ob solche Maßnahmen geeignet sind, um die Entwicklung der Fallzahlen merklich zu beeinflussen. Fest steht aber, dass dies zu Bildungslücken, einer extremen Belastung aller Familien und einer steigenden Bildungsungerechtigkeit führen würde. Insbesondere, da Schulen noch immer nicht flächendeckend auf digitalen Unterricht vorbereitet sind . Zudem hängt selbst bei besten Voraussetzungen auf schulischer Seite, gerade bei jüngeren Kindern der Lernerfolg bei (teilweisem) Distanzunterricht im Wesentlichen von der Unterstützung des Elternhauses ab. Auch ältere Schüler:innen aus Familien mit geringen Ressourcen, mit nicht Deutsch-Muttersprachler:innen oder Familien aus beengten Wohnverhältnissen u.ä. würden wieder systematisch benachteiligt. Nicht vergessen werden darf, dass mit Distanzunterricht der „positive Lernraum Schule“ verloren geht.

Der Schulbetrieb muss daher auch bei steigenden Infektionszahlen so lange wie möglich im Regelbetrieb und mit voller Klassenstärke stattfinden. Schulen sind auch jetzt sichere Orte und systemrelevant für die Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft.

6 Forderungen von “Familien in der Krise” und “Kinder brauchen Kinder”:

1. Schule ist System- und Zukunftsrelevant. Schule muss so lange wie möglich im Regelbetrieb (unter Pandemiebedingungen) stattfinden. Das heißt im Besonderen:

  1. Durchgehender Präsenzunterricht mit voller Klassenstärke
  2. Unterricht nach aktuellem Lehrplan und in vollem Umfang in allen Fächern

Ein Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht oder Fernlerneinheiten zuhause sind keine akzeptablen Alternativen.

2. Der Schulbetrieb darf nicht vom allgemeinen Infektionsgeschehen abhängen. Einschränkungen im Schulbetrieb dürfen nur aufgrund von Infektionsfällen in der jeweiligen Schule eingeführt werden. Einschränkungen im Schulbetrieb dürfen für Schulen einer Region nur dann eingeführt werden, wenn davon ausgegangen werden muss, dass sich das Virus unentdeckt/unkontrolliert an den Schulen ausbreitet. Einen Automatismus, nach dem ab einem bestimmten Inzidenzwert Schule im Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht stattfindet lehnen wir nachdrücklich ab. Keinesfalls dürfen Schulen vorsorglich pauschal geschlossen werden, weil Gesundheitsämter nicht über eine ausreichende personelle Ausstattung für eine zeitnahe Kontaktnachverfolgung verfügen oder weil kurzfristig verfügbare Testmöglichkeiten fehlen.

3. Grundschulen und weiterführende Schulen müssen separat betrachtet werden. Einschränkungen, die aufgrund des Infektionsgeschehens an weiterführenden Schulen getroffen werden, dürfen nicht auf Grundschulen übertragen werden. Grundschüler:innen  sind sowohl aus medizinischer – Covid-19 betreffender,  als auch aus pädagogisch-didaktischer Sicht anders zu beurteilen als ältere Schüler:innen.

4. Es braucht eine praxistaugliche Teststrategie für Schulen. Um das Hereintragen des Virus an Schulen möglichst schnell zu erkennen und dessen Verbreitung an Schulen stoppen zu können, ist eine spezielle Teststrategie für Schulen notwendig. Die für eine schnelle Testung von Schüler:innen und Lehrpersonal notwendigen Testkapazitäten müssen zu jeder Zeit zur Verfügung stehen und schnelle Ergebnisse garantiert sein. Bei der Einführung von Schnelltests oder Pooltestungen müssen Schulen bevorzugt berücksichtigt werden.

5. Die Quarantäne-Strategie an Schulen muss das Bildungsrecht berücksichtigen. Tritt innerhalb einer Schule ein Covid-19 Fall auf, dürfen nur unmittelbare Kontaktpersonen (z.B. Banknachbar:innen) als Kontaktperson ersten Grades eingeordnet werden und nicht automatisch alle Mitschüler:innen. Der Ausschluss von ganzen Klassen oder gar Jahrgängen vom Präsenzunterricht darf nur in Ausnahmefällen angeordnet werden. Die Anzahl der Schüler:innen, die vom Präsenzunterricht ausgeschlossen werden, muss immer so gering wie möglich sein. Gleichzeitig muss auch die Zeit des Ausschlusses für jede(n) einzelne(n) Schüler:in so kurz wie möglich sein. Des weiteren verweisen wir auf unseren offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Spahn und Professor Dr. Wieler mit der Forderung nach einem Strategiewechsel bei Quarantäneanordnungen von Kindern und Jugendlichen. 

6. Recht auf  Bildung. Allen beteiligten Entscheidungsträger:innen muss nachdrücklich die Priorität von Bildung nahegelegt werden. Die Entscheider:innen vor Ort in Gesundheitsämtern, Landratsämtern, Kommunen und Krisenstäben müssen auf die hohe Bedeutung des Rechts der Kinder und Jugendlichen auf Bildung aufmerksam gemacht werden. Es muss von Landes- und Bundesebene darauf hingewirkt werden, dass Schulen nicht geschlossen werden. Eine Schließung von Schulen, wenn auch z.B. vorsorglich „nur“ für einzelne Tage, darf im äußersten Notfall nur nach ausdrücklicher Genehmigung durch das jeweils zuständige Ministerium erfolgen.

Hier ist die Stellungnahme zum Download.