per E-Mail an
Landesregierung Baden-Württemberg
Herrn Ministerpräsident Winfried Kretschmann
Frau Kultusministerin Susanne Eisenmann

19. Oktober 2020

Offener Brief bezüglich Auswirkungen der 3. Stufe des Pandemieplans
auf den Kita- und Schulbetrieb

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,

Sehr geehrte Frau MinisterinEisenmann,

als bundesweite Initiativen „Kinder brauchen Kinder“ und “Familien in der Krise” setzen wir uns für die Rechte von Kindern und Familien ein und verfolgen deshalb die derzeitigen Maßnahmen aufmerksam, um eine Wahrung eben dieser Rechte in Zeiten der Corona Pandemie sicherzustellen. Wir begrüßen es ausdrücklich, dass bei steigenden Infektionszahlen geeignete Maßnahmen zielgerichtet getroffen werden, um das Ausbruchsgeschehen zu kontrollieren.

Gleichwohl setzen wir uns dafür ein, dass die bei Kindern und Jugendlichen getroffenen Maßnahmen verhältnismäßig sind in Relation zu den für die Gesamtbevölkerung getroffenen Maßnahmen, zur Bedeutung des elementaren Rechts auf (frühkindliche) Bildung und zur Rolle der Kinder in der Pandemie, die nach aktuellem Stand der Wissenschaft inklusive den Ergebnissen der baden-württembergischen Kinderstudie nicht als Treiber zu sehen sind[1]. Sie dürfen demnach keinesfalls schärferen Maßnahmen ausgesetzt werden als die übrige Gesellschaft. Durch ihre besondere Schutzbedürftigkeit ist hingegen aus unserer Sicht Erwachsenen mehr zumutbar als Kindern.

Den Versuch, im landesweiten 3-Stufen-Plan Transparenz für Entscheidungen zu schaffen und Maßnahmen für verschiedenste gesellschaftliche Bereiche festzulegen,  begrüßen wir ausdrücklich. Gleichwohl sollte das konkrete Maßnahmenpaket sich flexibel an den kritischen Bereichen mit Ausbruchsgeschehen orientieren, zu denen Kitas und Schulen nicht gehören[2].

Wie wir mittlerweile wissen, tragen Kinder wenig zum Infektionsgeschehen bei: “Es ist (…) anzunehmen, dass die Inzidenz in Kitas und Schulen in der Regel unter der allgemeinen Inzidenz im zugehörigen Landkreis liegt.”[3] Eine aktuelle Studie des IZA besagt sogar, dass das Ende der Sommerferien zu einer Reduktion des Infektionsgeschehens im Umfeld der Altersgruppe von Schüler:innen und deren Eltern geführt hat.[4] Der Anteil der Neuinfektionen in der Altersgruppe der Schüler:innen sinkt bundesweit seit vielen Wochen im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.[5] In einer im Fachmagazin JAMA Pediatrics veröffentlichten Metaanalyse zeigten Kinderärzt:innen und Epidemiolog:innen aus Großbritannien, dass sich Kinder und Jugendliche vor allem bis 14 Jahre um 44 Prozent seltener mit dem Coronavirus anstecken als Erwachsene.[6] Die Berücksichtigung dieser Erkenntnisse im Grundschulbereich ohne zusätzliche Maßnahmen in der Pandemiestufe 3 begrüßen wir daher ausdrücklich.

Dass aber ausgerechnet im Bereich Bildung für weiterführende Schulen als erstes am Donnerstag, noch vor Bekanntgabe der allgemeinen Maßnahmen am Samstag und Sonntag, die Verschärfung der „Maskenpflicht“ angekündigt wurde, ist aus unserer Sicht absolut nicht zielführend und eher als aktionistische Symbolpolitik einzuordnen. Dieses Vorgehen birgt zudem die Gefahr, dass Schulen in der Bevölkerung aber auch bei den an der Schulgemeinschaft Beteiligten weiterhin irrtümlich als besonders riskante Orte wahrgenommen werden, was zu einer Vielzahl an Folgeproblemen führen kann (z.B. negative Lernatmosphäre, überzogene Maßnahmen durch angstgetriebene Lehrer:innen, steigende Anzahl an Schulbefreiungen und ggf. auch sich vergrößernde Bildungsungleichheit etc.)

Die jetzt verordnete Mund-Nasen-Bedeckung stellt im Unterricht für Schüler:innen eine erhebliche Beeinträchtigung dar: Diese zeigt sich insbesondere beim  Erlernen von Fremdsprachen sowie in der sozialen Interaktion ohne Mimik in der Klassengemeinschaft oder mit der Lehrkraft. Schüler:innen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen und /oder Lese-Rechtschreibschwierigkeiten sowie schüchterne Schüler:innen, die noch mehr „verschwinden“, sind dabei besonders betroffen, wodurch sich bestehende und durch die Corona-Pandemie bereits verschärfte Benachteiligungen zusätzlich zuspitzen.  Außerdem trägt das dauerhafte Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung dazu bei, den Kontext “Schule” als besondere Gefahrenzone wahrzunehmen statt als positiven Lernort. Längeres Tragen einer Mund-Nasen- Bedeckung ohne Pause kann in Einzelfällen zu Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Konzentrationsproblemen führen.[7] Dass die „Maskenpflicht“ im Unterricht aus pädagogischer Sicht ein schwerwiegender Eingriff ist und eine extreme Verschlechterung der Lernumgebung darstellt, steht sicher außer Frage. Das kurzfristige Tragen im Schulgebäude bei Bedarf halten wir für Schüler:innen weiterführender Schulen hingegen für zumutbar.

Ergänzend zur neu angeordneten „Maskenpflicht“ im Unterricht ist aufgrund der CoronaVO des Landes Baden-Württemberg Paragraph 3 Abs. 6 das Tragen der MNB außerhalb des Unterrichts auch bislang schon verpflichtend auf „Begegnungsflächen, insbesondere Fluren, Treppenhäusern, Toiletten, Pausenhöfen“ – selbst wenn sich die Schüler:innen innerhalb ihrer Kohorte, räumlich getrennt von anderen, dort aufhalten. Es tritt also de facto eine pausenlose MNB-Pflicht (inklusive Schulweg bei Nutzung des ÖPNV) in Kraft. Hier wurde es eindeutig versäumt, eine entsprechende Anpassung vorzunehmen, zumal die Sinnhaftigkeit einer MNB im Freien ebenso anzuzweifeln ist wie pauschal auf den „Begegnungsflächen“, wenn es möglicherweise aufgrund guter organisatorischer Regelungen an Schulen (z.B. räumliche oder zeitliche Trennung) dort überhaupt nicht zu Begegnungen außerhalb der eigenen Kohorte kommt. Eine pausenlose Pflicht zum Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung, die viele Stunden dauert gerade an Ganztagsschulen, bei Schüler:innen mit langen Unterrichtstagen oder anschließender Ganztagesbetreuung für die Klassen 5 bis 7, würde im Übrigen bei jeder:m Arbeitnehmer:in Anspruch auf ausreichende „Maskenpausen“ nach sich ziehen – wir fordern eine entsprechende Regelung dringend auch für Schüler:Innen[8]. Zudem zweifeln wir an, dass Kinder, vor allem die der Unterstufe und über solch einen langen Zeitraum, die MNB sachgerecht handhaben können. Lehrkräfte und auch Mitschüler:innen sehen sich eventuell gezwungen die richtige Nutzung anzumahnen, was aufgrund der hohen Emotionalität der Thematik zu Verwerfungen in der Schulgemeinschaft führen kann.

Warum auch im Bereich Kindertagesstätten die Maßnahmen ab heute verschärft werden und zurück zur strengeren Kohortierung gegangen werden soll, erschließt sich uns aufgrund des kaum vorhandenen Effekts auf das Infektionsgeschehen nicht. Durch das Verbot in zwei Gruppen zusammenzuarbeiten und damit die Rückkehr zu strikten Einzelgruppen entfallen vielerorts zahlreiche pädagogische Angebote und die – teils ohnehin immer noch eingeschränkten – Öffnungszeiten werden oftmals weiter reduziert werden. Dies stellt die in den letzten Monaten ohnehin stark belasteten Familien neuerlich vor grosse Herausforderungen. Schon jetzt berichten Eltern regelmäßig, dass sie auf Hilfe von Babysitter:innen, Großeltern oder Freund:innen zurückgreifen, damit sie ihrer Pflicht als Arbeitnehmer:innen nachkommen können. Dies ist vor dem Hintergrund, dass jede:r einzelne persönliche Kontakte reduzieren sollte, höchst bedenklich und dient nicht dem Infektionsschutz.

Insbesondere kritisch und keinesfalls verhältnismäßig sehen wir die Tatsache, dass die landesweit geltende Verordnung nun in allen Landkreisen eingeführt wird: Auch Schüler:innen z.B. aus den Kreisen Waldshut und Heidenheim mit einer vergleichsweise niedrigen Inzidenz müssen künftig viele Stunden oder ganztags eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Auch in Kitas in diesen risikoarmen Landkreisen wird es durch die strengere Kohortierung möglicherweise zu deutlichen Einschränkungen kommen.

Außerdem möchten wir ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Nutzung von Schulen für nicht schulische Zwecke weitreichende Folgen für das Freizeit- und Bildungsangebot außerhalb von Schulen und Kitas hat. So werden zahlreiche Instrumentalunterrichte, Sportangebote usw. in Unterrichtsräumen angeboten. All diese Angebote sind gerade erst wieder angelaufen, für viele Kinder brechen nun erneut Alltagsstruktur und Bildungsangebote weg. Der Nutzen für das Infektionsgeschehen erscheint uns überschaubar, da die Verwendung in der Regel außerhalb der regulären Schulzeiten stattfindet und somit keine Begegnung mit den Schüler:innen erfolgt. Dass Kontaktsport in der festen Kohorte/ Klasse ebenfalls verboten ist, während dies gleichzeitig im Profi-Fußball weiterhin möglich ist, lässt uns Familien fassungslos zurück.

Dass die bisherigen Infektionsschutzmaßnahmen aus Kitas und Schulen ausreichend sind, zeigen nicht nur Studien, sondern auch die tatsächliche Beobachtung in Baden-Württemberg. Derzeit befinden sich 785 von 67.500 Klassen (1,2 Prozent) in Baden-Württemberg im vorübergehenden Fernlernunterricht aufgrund einer bestätigten Infektion oder eines Verdachtsfalls. (Kultusministerium, Stand 16.10).

Wir fordern daher, den Kita- und Schulbetrieb bei den Maßnahmen in Pandemiestufe 3 auszunehmen. Außerdem fordern wir, vorhandene Schwachstellen in den bisherigen Regelungen wie der überfüllte Schülertransport oder die Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung im Freien auf dem Pausenhof oder bei organisatorisch getrennten Kohorten nachzubessern. Damit stützen wir uns auch auf eine Empfehlung mehrerer medizinischer Fachgesellschaften u.a. aus Pädiater:innen und Hygieniker:innen, die bei der derzeitigen Anzahl an Neuinfektionen eine Verwendung der Mund-Nasen-Bedeckung an weiterführenden Schulen ausdrücklich nicht im Unterricht am Platz sondern nur bei Begegnungen außerhalb der eigenen Kohorte vorsehen[9].

Mit freundlichen Grüßen,

Ulrike Krüger 
für die Initiative „Familien in der Krise“                                                  

Dr. Nicole Berger
für die Initiative “Kinder brauchen Kinder”


Quellen:

[1]
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Praevention-Schulen.pdf?__blob=publicationFile

[2] https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/38_20.pdf;jsessionid=421B64227D28A983DCD91A32A4F28AA7.internet092?__blob=publicationFile

[3]
https://www.dakj.de/allgemein/massnahmen-zur-aufrechterhaltung-eines-regelbetriebs-und-zur-praevention-von-sars-cov-2-ausbruechen-in-einrichtungen-der-kindertagesbetreuung-oder-schulen-unter-bedingungen-der-pandemie-und-kozirkulat/#_Toc47365742

[4]
https://newsroom.iza.org/de/archive/research/school-re-openings-after-summer-breaks-in-germany-did-not-increase-sars-cov-2-cases

[5]
https://www.jmwiarda.de/2020/10/01/wie-sind-die-zahlen/

[6]
https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/corona-covid-ansteckung-kinder-sars-cov-2-1.5045262

[7]
Diverse Quellen zu Auswirkungen von Maskenpflicht im Unterricht:
– Generalsekretär der Akademie für Kinder- und Jugendmedizin zur Maskenpflicht im Unterricht: https://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/maskenpflicht-im-unterricht-ist-unsinn-angst-der-lehrer-ueberzogen-1545117.html
– Empfehlung der WHO zu MNB bei Kindern: https://www.who.int/news-room/q-a-detail/q-a-children-and-masks-related-to-covid-19
– Stellungnahme des DAKJ zur MNB-Pflicht im Unterricht in NRW im August: https://www.dakj.de/stellungnahmen/appell-an-das-land-nordrhein-westfalen-hygienefehler-und-benachteiligung-von-kindern-zu-beenden/
– Logopädin zu MNB im Unterricht: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-eine-permanente-maske-im-unterricht-ist-eine-zumutung-_arid,1926871.html
– Leiterin des Bereichs Sprechwissenschaft am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Uniklinik Leipzig zu MNB im Unterricht: https://www.spiegel.de/panorama/bildung/corona-maskenpflicht-im-schul-unterricht-die-schuechternen-werden-verschwinden-a-51d2fc4c-6296-4785-84b4-c6628b04df90

[8]
https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/3789

[9]
https://www.krankenhaushygiene.de/ccUpload/upload/files/2020_08_03_Stellungnahme_DGKH_Paediater.pdf