Diese Stellungnahme wurde bisher adressiert an die Entscheidungsträger in Fürstenfeldbruck, Regen und Weiden in der Oberpfalz.

Immer wieder haben Politiker, nicht zuletzt Ministerpräsident Söder, in den letzten Wochen die hohe Priorität von Schulen und Kindertagesstätten (KiTas) betont. Erst am vergangenen Freitag erklärte Bundesfamilienministerin Giffey zudem: „KiTas sind keine Infektionsherde, Kinder sind keine Infektionstreiber.“

Der bayerische Hygieneplan für Schulen und KiTas erlaubt ab einer 7-Tage-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner die Anwendung des Wechselmodells bzw. den temporären Ausschluss von Kindern aus KiTas. Der Hygieneplan sieht aber ausdrücklich keinen Automatismus bei Überschreiten der Schwellenwerte vor. Eine 7-Tages-Inzidenz über 50 führt gerade nicht zwingend zum Unterricht im Wechselmodell und Reduzierung der Gruppengrößen in KiTas.

Mit Verweis auf die an Schulen und KiTas sehr geringen Fallzahlen und Ansteckungsrisiken im Regelbetrieb, nutzen viele Landkreise und Städte den Spielraum des Hygieneplans und belassen die Schulen und KiTas im Regelbetrieb. Darunter Städte wie München, Nürnberg, Augsburg, Rosenheim, Memmingen oder die Landkreise Ebersberg und Passau.

Und das vollkommen zu Recht! Distanzunterricht, egal ob ausschließlich oder im Wechselmodell, ist nach derzeitigem Stand nicht für eine chancengerechte Bildung geeignet. Insbesondere bei jüngeren Schüler:innen und Schüler:innen aus Familien mit weniger Ressourcen. Mindestens genauso schwer wiegen die Einschränkungen für Kinder,
die die KiTa nicht mehr besuchen dürfen. Zum einen fehlen die sozialen Kontakte zum Erlernen sozialen Verhaltens mit Gleichaltrigen, zum anderen findet die Förderung der Kinder nicht mehr statt. Der Kindergarten ist die Vorstufe zur Schule und nicht nur eine Einrichtung zur Verwahrung der Kinder.

Darüber hinaus stellt eine derartige Einschränkung der Betreuung Familien erneut vor massive Probleme. Eventuell vorhandene Überstunden wurden, ebenso wie Urlaubstage, bereits während des Lockdowns im Frühling aufgebraucht. Viele Eltern sind ratlos, wie sie den Alltag ein zweites Mal ohne verlässliche Betreuung für ihre Kinder schaffen sollen.
Möglicherweise wieder über Monate hinweg. Der hierdurch entstehende Druck, psychischer, aber auch finanzieller Natur, ist immens. Kinder haben ein sehr gutes Gespür für solche Situationen. Es ist davon auszugehen, dass sie selbst bei Vorliegen optimaler Rahmenbedingungen, hierunter leiden werden. Für Kinder aus Familien mit weniger Ressourcen gilt dies umso mehr.

Auch ihr Landkreis Fürstenfeldbruck schickt seine Schüler:innen in den Distanzunterricht und Kindergartenkinder wieder nach Hause.

Diese Maßnahme steht allerdings im Widerspruch zu der Rolle von KiTas und Schulen für das Pandemiegeschehen. Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter stecken sich nachweislich deutlich weniger mit Covid-19 an. Die Krankheit verläuft deutlich leichter und Kinder geben das Virus seltener weiter als Erwachsene. Dies wurde zuletzt auch wieder
durch das Robert-Koch-Institut und die Corona-Kita-Studie bestätigt. Es ist uns daher nicht ersichtlich inwieweit diese Maßnahme das Pandemiegeschehen merklich beeinflussen sollte.

Wir bitten Sie daher nachdrücklich darum, Ihre Entscheidung zu überdenken. Das Ausrufen von Stufe 3 des Hygieneplans ist ein massiver Eingriff in die Rechte der Kinder auf soziale Teilhabe und Bildung und sollte daher nur im absoluten Notfall erfolgen.

Es ist in jedem Fall unverhältnismäßig, wenn Bildungseinrichtungen pauschal und ohne konkrete Hinweise auf die Verbreitung von Covid-19 innerhalb der Einrichtungen für mindestens einen Teil der Schüler:innen und Kindergartenkinder geschlossen werden. Auch wenn dies nur zeitweise geschieht. Die reflexhafte Einführung dieser Einschränkungen wird den Reden von der hohen Priorität für Bildung in keiner Weise gerecht.

Wir wünschen den besonders betroffenen Gemeinden in Fürstenfeldbruck ein möglichst rasches Eindämmen der Infektionszahlen und plädieren für einen Infektionsschutz, der weniger von Aktionismus und reflexhaften Teilschließungen von Schulen und Kindertagesstätten geprägt ist, sondern sich auf die richtigen Prioritäten fokussiert, eine gute Verhältnismäßigkeit wahrt und an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur
Dynamik der SARS-CoV-2-Infektion orientiert. Im Anhang finden Sie die an die Kultusminister der Länder gerichtete gemeinsame Stellungnahme von “Familien in der Krise” und “Kinder brauchen Kinder” zum Schulbetrieb.