am 20. Oktober 2020 per Mail an
Herrn Ministerpräsident Stephan Weil
Herrn Kultusminister Grant Hendrik Tonne

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil, sehr geehrter Herr Kultusminister Tonne,

als bundesweite Initiative “Familien in der Krise” setzen wir uns für die Rechte von Kindern und Familien ein und verfolgen deshalb die derzeitigen Maßnahmen aufmerksam, um eine Wahrung eben dieser Rechte in Zeiten der Corona-Pandemie sicherzustellen. Wir begrüßen es ausdrücklich, dass bei steigenden Infektionszahlen geeignete Maßnahmen zielgerichtet getroffen werden, um das Ausbruchsgeschehen zu kontrollieren.

Gleichwohl setzen wir uns für die Bedeutung des elementaren Rechts auf (frühkindliche) Bildung ein sowie dafür, dass die bei Kindern und Jugendlichen getroffenen Maßnahmen verhältnismäßig sind in Relation zu den Maßnahmen für die Gesamtbevölkerung. Denn Kinder sind nach aktuellem Stand der Wissenschaft nicht als Treiber der Pandemie zu sehen[1], wie Sie selbst, Herr Tonne, regelmäßig betonen. Sie dürfen keinesfalls schärferen Maßnahmen ausgesetzt werden als die übrige Gesellschaft. Im Gegenteil: Aufgrund ihrer besonderen Schutzbedürftigkeit ist Kindern weniger zuzumuten als Erwachsenen.

Wir begrüßen ausdrücklich, dass das niedersächsische Kultusministerium bisher einen vergleichsweise verhältnismäßigen und durchdachten Ansatz beim Krisenmanagement hatte und gerade am Montag wieder bekräftigt hat, Schulen und Kitas „wenn irgend möglich offen“ zu halten, „Schließungen seien das denkbar letzte Mittel“[2]. Gleichzeitig heißt es, Mitte dieser Woche sollen weitere Maßnahmen beschlossen werden: Diesbezüglich sei „im Prinzip alles offen“ und auch die Maskenpflicht im Unterricht sei eine denkbare Option[3]

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil, sehr geehrter Herr Kultusminister Tonne: Wir möchten Sie ausdrücklich in Ihrem Kurs bestärken, das Recht auf (frühkindliche) Bildung für alle Kinder und Jugendlichen in Niedersachsen zu wahren und weiter zu stärken – mit allen Mitteln und nicht nur „wenn irgend möglich“!

Präsenzunterricht nach Szenario A ist alternativlos zur Sicherstellung des Rechts auf Bildung.

Oberstes Ziel sollte sein, mit umfassenden Maßnahmen sowohl Präsenzunterricht für alle Schüler*innen als auch effektiven Gesundheitsschutz sicherzustellen. Nur durch Präsenzunterricht nach Szenario A sind Bildungssicherheit und Chancengleichheit garantiert: Laut einer Studie des ifo Instituts[4] hat sich während des Lockdowns im Frühjahr die Zeit, in der sich die Kinder mit Schule beschäftigten, halbiert. Zudem „deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Coronakrise die ohnehin schon hohe Bildungsungleichheit in Deutschland weiter verschärft haben dürfte“.

Lehrkräfte berichten der Initiative Familien in der Krise von Schüler*innen, die in der gesamten Zeit der Schulschließungen keine einzige der gestellten Aufgaben bearbeitet hätten. Eltern wiederum berichten von teils sehr engagierten Lehrkräften, die das Beste aus dem Fernunterricht gemacht haben – teils aber auch von Fernunterricht, der aus dem Lesen von Unterrichtsbüchern bestand. Diese Einschätzung wird von der oben genannten ifo-Studie unterstrichen, nach der 57% der Schüler*innen seltener als einmal pro Woche gemeinsamen Online-Unterricht hatten, noch seltener hatten sie individuellen Kontakt mit den Lehrkräften. Besonders davon betroffen waren laut Studie abermals Kinder aus nicht akademischem Elternhaus und leistungsschwächere Schüler*innen.

Familien in der Krise fordert ernsthafte und umfassende Lösungsansätze.

Da es nicht auszuschließen ist, dass Distanzunterricht aufgrund des Infektionsgeschehens in einer Bildungseinrichtung (z.B. wegen Quarantäne) notwendig ist, müssen dringend die notwendigen Voraussetzungen für qualitativ hochwertigen Fernunterricht geschaffen werden. Neben der weiteren technischen Ausstattung von Schüler*innen und Schulen zählen dazu auch personelle Maßnahmen: Fachpersonal für IT Support muss ebenso bereitgestellt werden wie verpflichtende Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte zu digitalem Fernunterricht, Erlernen von notwendigen Tools und neuen didaktischen Ansätzen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass jüngeren Schüler*innen Fernunterricht schwerer fällt als älteren. Und eines ist klar: Diese Maßnahmen werden nicht von heute auf morgen greifen.      

Wir von Familien in der Krise fordern daher umfassende und kreative Maßnahmen, die einen Präsenzunterricht und Gesundheitsschutz gleichermaßen sicherstellen. Andere Länder wie Dänemark[5] machen es vor mit versetztem Unterrichtsbeginn, regelmäßiger Desinfektion der Räume oder Unterricht in kleineren Gruppen und alternativen Räumlichkeiten. Ebenfalls denkbar ist der Einsatz von Lehramtsstudierenden, die bei Personalmangel unterstützen können. Auch der Einsatz von Luftfilteranlagen wäre definitiv eine bessere Lösung als Schüler*innen zu empfehlen, sich warm anzuziehen, damit auch in der kalten Jahreszeit ausreichend gelüftet werden kann.

„Maskenpflicht“ im Unterricht kann nicht die Antwort sein.

Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung im Unterricht, wie nun offensichtlich auch in Niedersachsen diskutiert, ist aus unserer Sicht nicht zielführend und eher als aktionistische Symbolpolitik einzuordnen. Das kurzfristige Tragen im Schulgebäude, wie im aktuellen Rahmen-Hygieneplan vorgesehen, halten wir für Schüler*innen weiterführender Schulen für zumutbar.

Die Mund-Nasen-Bedeckung stellt im Unterricht für Schüler*innen eine erhebliche Beeinträchtigung dar: Diese zeigt sich insbesondere beim Erlernen von Fremdsprachen sowie in der sozialen Interaktion ohne Mimik in der Klassengemeinschaft oder mit der Lehrkraft. Schüler*innen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen und /oder Lese-Rechtschreibschwierigkeiten sowie schüchterne Schüler*innen, die noch mehr „verschwinden“, sind dabei besonders betroffen, wodurch sich bestehende und durch die Corona-Pandemie bereits verschärfte Benachteiligungen zusätzlich zuspitzen.

Zudem trägt das dauerhafte Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung dazu bei, den Kontext “Schule” als besondere Gefahrenzone wahrzunehmen statt als positiven Lernort. Längeres Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung ohne Pause kann in Einzelfällen zu Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Konzentrationsproblemen führen.[6] Dass die „Maskenpflicht“ im Unterricht aus pädagogischer Sicht ein schwerwiegender Eingriff ist und eine extreme Verschlechterung der Lernumgebung darstellt, steht sicher außer Frage. Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil, sehr geehrter Herr Tonne, wir von Familien in der Krise bitten Sie bei ihrer verhältnismäßigen Position zu bleiben und weiterhin auf andere Maßnahmen zum Infektionsschutz der Schüler*innen in Niedersachsen zu setzen.

Auch frühkindliche Bildungseinrichtungen müssen geöffnet bleiben.

Sollten Kitas wieder geschlossen oder im Regelbetrieb stark eingeschränkt werden, stellt das die in den letzten Monaten ohnehin stark belasteten Familien neuerlich vor große Herausforderungen. Eltern werden keine Wahl haben, als auf die Hilfe von Großeltern, Freund*innen oder Babysitter*innen zurückzugreifen, damit sie ihrer Pflicht als Arbeitnehmer*innen nachkommen können. Dies ist vor dem Hintergrund, dass jede*r Einzelne persönliche Kontakte reduzieren sollte, höchst bedenklich und dient nicht dem Infektionsschutz.

Das präventive und aktionistische Schließen von Bildungseinrichtungen, wie vor den Herbstferien in Friesland, Delmenhorst oder Lemwerder geschehen, darf sich nicht wiederholen. Stattdessen müssen sich die Maßnahmen an den kritischen Bereichen mit Ausbruchsgeschehen orientieren, zu denen Kitas und Schulen nach bisherigem Kenntnisstand nicht gehören[7]. Zudem muss verhindert werden, dass einzelne Landkreise die Verordnung eigenmächtig strenger auslegen.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil, sehr geehrter Herr Kultusminister Tonne: Wir von Familien in der Krise setzen darauf, dass die von Ihnen angestrebte Anpassung der Corona-Verordnung für Niedersachsen das Recht auf (frühkindliche) Bildung weiterhin für alle Kinder sicherstellt und dabei verhältnismäßige sowie kreative Maßnahmen zum Gesundheitsschutz unserer Kinder unter Berücksichtigung pädagogischer und psychologischer Aspekte einschließt.    

Mit freundlichen Grüßen,
Familien in der Krise Niedersachsen


[1] https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Praevention-Schulen.pdf?__blob=publicationFile; auch:  https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2768952

[2] https://www.rundblick-niedersachsen.de/niedersachsen-will-schulen-und-kitas-offen-halten/

[3] Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 17./18. Oktober: “Mehr Corona-Fälle: Kommt Maskenpflicht im Unterricht?”

[4] https://www.ifo.de/publikationen/2020/aufsatz-zeitschrift/bildung-der-coronakrise-wie-haben-die-schulkinder-die-zeit ; auch: https://www.iwkoeln.de/studien/iw-reports/beitrag/wido-geis-thoene-ein-teil-der-kinder-braucht-mehr-unterstuetzung.html

[5] https://www.spiegel.de/politik/ausland/schuloeffnungen-in-der-corona-krise-was-kann-deutschland-von-daenemark-lernen-a-0917d9d7-50a7-4b52-aa6c-9911202db4e4

[6] Generalsekretär der Akademie für Kinder- und Jugendmedizin zur Maskenpflicht im Unterricht: https://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/maskenpflicht-im-unterricht-ist-unsinn-angst-der-lehrer-ueberzogen-1545117.html

Empfehlung der WHO zu MNB bei Kindern: https://www.who.int/news-room/q-a-detail/q-a-children-and-masks-related-to-covid-19

Stellungnahme des DAKJ zur MNB-Pflicht im Unterricht in NRW im August: https://www.dakj.de/stellungnahmen/appell-an-das-land-nordrhein-westfalen-hygienefehler-und-benachteiligung-von-kindern-zu-beenden/

Logopädin zu MNB im Unterricht:

https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-eine-permanente-maske-im-unterricht-ist-eine-zumutung-_arid,1926871

Leiterin des Bereichs Sprechwissenschaft am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Uniklinik Leipzig zu MNB im Unterricht:

https://www.spiegel.de/panorama/bildung/corona-maskenpflicht-im-schul-unterricht-die-schuechternen-werden-verschwinden-a-51d2fc4c-6296-4785-84b4-c6628b04df90

[7] https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/38_20.pdf;jsessionid=421B64227D28A983DCD91A32A4F28AA7.internet092?__blob=publicationFile