Den offenen Brief als pdf finden Sie hier:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Laschet,
Sehr geehrte Frau Ministerin Gebauer,

als bundesweite Initiativen „Kinder brauchen Kinder“ und “Familien in der Krise” setzen wir uns für die Rechte von Kindern und Familien ein und verfolgen deshalb die derzeitigen Maßnahmen aufmerksam, um eine Wahrung eben dieser Rechte in Zeiten der Corona Pandemie sicherzustellen. Wir begrüßen es ausdrücklich, dass bei steigenden Infektionszahlen geeignete Maßnahmen zielgerichtet getroffen werden, um das Ausbruchsgeschehen zu kontrollieren.

Gleichwohl setzen wir uns dafür ein, dass die bei Kindern und Jugendlichen getroffenen Maßnahmen verhältnismäßig sind in Relation zu den für die Gesamtbevölkerung getroffenen Maßnahmen, zur Bedeutung des elementaren Rechts auf (frühkindliche) Bildung und zur Rolle der Kinder in der Pandemie, die nach aktuellem Stand der Wissenschaft nicht als Treiber zu sehen sind[1]. Sie dürfen demnach keinesfalls schärferen Maßnahmen ausgesetzt werden als die übrige Gesellschaft. Durch ihre besondere Schutzbedürftigkeit ist aus unserer Sicht Erwachsenen mehr zumutbar als Kindern.
Im Nachgang zu den Empfehlungen des RKI, wie mit den Inzidenzahlen an Schulen umgegangen werden soll, haben zwischenzeitlich einige Kommunen, die die Inzidenzwerte überschritten haben, Allgemeinverfügen erlassen, die mitunter, wie bspw. Düsseldorf sehr weitgehende Maßnahmen für verschiedenste gesellschaftliche Bereiche festzulegen. Grundsätzlich begrüßen wir ein zielgerichtetes strategisches Vorgehen, gleichwohl sollte sich das konkrete Maßnahmenpaket flexibel an den kritischen Bereichen mit Ausbruchsgeschehen orientieren, zu denen Kitas und Schulen nicht gehören[2].

Wie wir mittlerweile wissen, tragen Kinder wenig zum Infektionsgeschehen bei: “Es ist (…) anzunehmen, dass die Inzidenz in Kitas und Schulen in der Regel unter der allgemeinen Inzidenz im zugehörigen Landkreis liegt.”[3] Eine aktuelle Studie des IZA besagt sogar, dass das Ende der Sommerferien zu einer Reduktion des Infektionsgeschehens im Umfeld der Altersgruppe von Schüler:innen und deren Eltern geführt hat.[4] Der Anteil der Neuinfektionen in der Altersgruppe der Schüler:innen sinkt bundesweit seit vielen Wochen im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.[5] In einer im Fachmagazin JAMA Pediatrics veröffentlichten Metaanalyse zeigten Kinderärzt:innen und Epidemiolog:innen aus Großbritannien, dass sich Kinder und Jugendliche vor allem bis 14 Jahre um 44 Prozent seltener mit dem Coronavirus anstecken als Erwachsene.[6] Die Berücksichtigung dieser Erkenntnisse im Grundschulbereich begrüßen wir daher ausdrücklich. So haben die meisten Kommunen in NRW, z.B. Köln, zunächst Einschränkungen in den Lebensbereichen angeordnet, in denen im besonderen Maße damit gerechnet werden muss, dass sie zur besonderen Ausbreitung des Virus beitragen, indem beispielsweise Einschränkungen von Großveranstaltungen und privaten Festen eingeführt wurden. Solche Schritte sind zwischenzeitlich auch durch die Modifikationen in § 15a CoronaSchVO NRW für alle Kommunen verbindlich festgeschrieben worden.
Dennoch wurde in einigen Kommunen, insbesondere in Düsseldorf, bereits bei einem Inizidenzwert von 35 ausgerechnet im Bereich Bildung die Verschärfung der „Maskenpflicht“ als eine erste Maßnahme noch vor einer Maskenpflicht in der vor allem bei „Feierwütigen“ beliebten Düsseldorfer Altstadt – angekündigt. Dies ist aus unserer Sicht absolut nicht zielführend und eher als aktionistische Symbolpolitik einzuordnen. Dieses Vorgehen birgt zudem die Gefahr, dass Schulen in der Bevölkerung aber auch bei den an der Schulgemeinschaft Beteiligten weiterhin irrtümlich als besonders riskante Orte wahrgenommen werden, was zu einer Vielzahl an Folgeproblemen führen kann (z.B. negative Lernatmosphäre, überzogene Maßnahmen durch angstgetriebene Lehrer:innen, steigende Anzahl an Schulbefreiungen und ggf. auch sich vergrößernde Bildungsungleichheit etc.)

Ergänzend zu der in der CoronabetreuungsVO statuierten „Maskenpflicht“ außerhalb des Unterrichts, die auch bislang schon verpflichtend auf „Begegnungsflächen, insbesondere Fluren, Treppenhäusern, Toiletten, Pausenhöfen“ – selbst wenn sich die Schüler:innen innerhalb ihrer Kohorte, räumlich getrennt von anderen, dort aufhalten, existierte, haben einige Kommunen Allgemeinverfügungen erlassen, in denen sogar Grundschüler:innen einer „Maskenpflicht“ im Unterricht ausgesetzt werden. Es tritt also de facto für alle Schüler:innen eine pausenlose MNB-Pflicht (inklusive Schulweg bei Nutzung des ÖPNV) in Kraft. Anstatt Versäumnisse auszubessern, und entsprechende Anpassungen vorzunehmen, zumal die Sinnhaftigkeit einer MNB im Freien ebenso anzuzweifeln ist wie pauschal auf den „Begegnungsflächen“, wenn es möglicherweise aufgrund guter organisatorischer Regelungen an Schulen (z.B. räumliche oder zeitliche Trennung) dort überhaupt nicht zu Begegnungen außerhalb der eigenen Kohorte kommt, wurden gerade in Düsseldorf flächendeckend, wie wir meinen übrigens nicht rechtskonform, die Pflichten der Schüler:innen noch einmal verschärft. Eine solche pausenlose Pflicht zum Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung, die viele Stunden dauert gerade an Ganztagsschulen, bei Schüler:innen mit langen Unterrichtstagen oder anschließender Ganztagesbetreuung für die Klassen 5 bis 7, würde im Übrigen bei jeder:m Arbeitnehmer:in Anspruch auf ausreichende „Maskenpausen“ nach sich ziehen – wir fordern eine entsprechende Regelung dringend auch für Schüler:Innen[7]. Zudem zweifeln wir an, dass Kinder, vor allem die der Unterstufe und über solch einen langen Zeitraum, die MNB sachgerecht handhaben können. Lehrkräfte und auch Mitschüler:innen sehen sich eventuell gezwungen die richtige Nutzung anzumahnen, was aufgrund der hohen Emotionalität der Thematik zu Verwerfungen in der Schulgemeinschaft führen kann.

Die jetzt verordnete Mund-Nasen-Bedeckung im Unterricht auch für Grundschüler:innen stellt zudem eine erhebliche Beeinträchtigung dar: Diese zeigt sich insbesondere beim Erlernen von Fremdsprachen
sowie in der sozialen Interaktion ohne Mimik in der Klassengemeinschaft oder mit der Lehrkraft. Schüler:innen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen und /oder Lese-Rechtschreibschwierigkeiten sowie schüchterne Schüler:innen, die noch mehr „verschwinden“, sind dabei besonders betroffen, wodurch sich bestehende und durch die Corona-Pandemie bereits verschärfte Benachteiligungen zusätzlich zuspitzen. Außerdem trägt das dauerhafte Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung dazu bei, den Kontext “Schule” als besondere Gefahrenzone wahrzunehmen statt als positiven Lernort. Längeres Tragen einer Mund-Nasen- Bedeckung ohne Pause kann in Einzelfällen zu Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Konzentrationsproblemen führen.[8] Dass die „Maskenpflicht“ im Unterricht aus pädagogischer Sicht ein schwerwiegender Eingriff ist und eine extreme Verschlechterung der Lernumgebung darstellt, steht sicher außer Frage. Das kurzfristige Tragen im Schulgebäude bei Bedarf halten wir für Schüler:innen weiterführender Schulen hingegen für zumutbar.

Außerdem möchten wir ausdrücklich darauf hinweisen, dass auch die Nutzung von Schulen für nicht schulische Zwecke ebenso zu priorisieren ist wie die Präsenzpflicht in Schulen und Kitas, da ein erneuter Wegfall dieser Angebote weitreichende Folgen für das Freizeit- und Bildungsangebot außerhalb von Schulen und Kitas hat. So werden zahlreiche Instrumentalunterrichte, Sportangebote usw. in Unterrichtsräumen angeboten.
Dass die bisherigen Infektionsschutzmaßnahmen aus Kitas und Schulen ausreichend sind, zeigen nicht nur Studien, sondern auch die tatsächliche Beobachtung in NRW. Bis zu den Herbstferien befanden sich von den rund 2,25 Millionen Schüler:inne und etwa 187.000 Lehrer:innen zwischenzeitlich 18.000 Schüler:innen und 1700 Lehrer:innen in Qurantäne; eine genaue Zahl der bis dato erfolgten Infektionen gibt es auf den offiziellen Seiten nicht. Wenn man aber davon ausgeht, dass in einer Klasse durchschnittlich 30 Kinder sind, dann gab es max. 600 Primärfälle innerhalb der Schülerschaft, wenn nicht die Lehrer:innen dieInfektion in die Gruppe getragen haben. Die Sekundärinfektionen lagen bei einem bundesweit bekannt gewordenen Fall in Bielefeld bei weniger als 0,75% in Bezug auf die Schüler, die in Quarantäne geschickt wurden. Würde man dies auf 18.000 Quarantänefälle hochrechnen hätten sich insgesamt ca. 1080 weitere Kinder infiziert. Dabei heißt aber Infektion nicht auch, dass die Kinder krank waren. Insgesamt ist das ein sehr überschaubares Infektionsgeschehen.
Wir fordern daher, den Kita- und Schulbetrieb in Präsenz – unter den o.g. Bedingungen fortzuführen. Außerdem fordern wir, vorhandene Schwachstellen in den bisherigen Regelungen wie die Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung im Freien auf dem Pausenhof oder bei organisatorisch getrennten Kohorten nachzubessern. Damit stützen wir uns auch auf eine Empfehlung mehrerer medizinischer Fachgesellschaften u.a. aus Pädiater:innen und Hygieniker:innen, die bei der derzeitigen Anzahl an Neuinfektionen eine Verwendung der Mund-Nasen-Bedeckung an weiterführenden Schulen ausdrücklich nicht im Unterricht am Platz sondern nur bei Begegnungen außerhalb der eigenen Kohorte vorsehen[9].

Mit freundlichen Grüßen,
Prof. Dr. Nicole Reese
Dr. Franziska Reiss
Nele Flüchter
für die Initiative „Familien in der Krise“

Quellen:
[1]
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Praevention-Schulen.pdf?__blob=publicationFile
[2] https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/38_20.pdf;jsessionid=421B64227D28A983DCD91A32A4F28AA7.internet092?__blob=publicationFile
[3]
https://www.dakj.de/allgemein/massnahmen-zur-aufrechterhaltung-eines-regelbetriebs-und-zur-praevention-von-sars-cov-2-ausbruechen-in-einrichtungen-der-kindertagesbetreuung-oder-schulen-unter-bedingungen-der-pandemie-und-kozirkulat/#_Toc47365742
[4]
https://newsroom.iza.org/de/archive/research/school-re-openings-after-summer-breaks-in-germany-did-not-increase-sars-cov-2-cases
[5]
https://www.jmwiarda.de/2020/10/01/wie-sind-die-zahlen/
[6]
https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/corona-covid-ansteckung-kinder-sars-cov-2-1.5045262

[7]
https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/3789
[8]
Diverse Quellen zu Auswirkungen von Maskenpflicht im Unterricht: • Generalsekretär der Akademie für Kinder- und Jugendmedizin zur Maskenpflicht im Unterricht: https://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/maskenpflicht-im-unterricht-ist-unsinn-angst-der- lehrer-ueberzogen-1545117.html • Empfehlung der WHO zu MNB bei Kindern: https://www.who.int/news-room/q-a-detail/q-a-children-and-masks-related-to-covid-19 • Stellungnahme des DAKJ zur MNB-Pflicht im Unterricht in NRW im August: https://www.dakj.de/stellungnahmen/appell-an-das-land-nordrhein-westfalen-hygienefehler-u nd-benachteiligung-von-kindern-zu-beenden/ • Logopädin zu MNB im Unterricht: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-eine-permanente-maske-im-unter richt-ist-eine-zumutung-_arid,1926871.html • Leiterin des Bereichs Sprechwissenschaft am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Uniklinik Leipzig zu MNB im Unterricht: https://www.spiegel.de/panorama/bildung/corona-maskenpflicht-im-schul-unterricht-die-sch uechternen-werden-verschwinden-a-51d2fc4c-6296-4785-84b4-c6628b04df90

[9] https://www.krankenhaushygiene.de/ccUpload/upload/files/2020_08_03_Stellungnahme_DGKH_Paediater.pdf