Die komplette Stellungnahme von Familien in der Krise zur Pressekonferenz von Ministerin Gebauer am 21. Oktober finden Sie hier:

„Das Infektionsgeschehen an unseren Schulen ist nach wie vor gering. Schulen sind keine Hotspots. Und es gab auch kein unkontrolliertes Infektionsgeschehen an unseren Schulen. Dieses Bild zeigt sich in allen Bundesländern und das zeigen auch unsere wöchentlichen Abfragen, die wir an den Schulen tätigen. 98 % aller Schülerinnen und Schüler waren bis zu den Herbstferien im Präsenzunterricht. Und auch die Ergebnisse der regelmäßigen Testungen unserer Lehrkräfte haben gezeigt, dass nur 0,1 % der Getesteten tatsächlich infiziert gewesen sind. Das Robert-Koch-Institut bestätigt, Kinder und jüngere Erwachsene bzw. jüngere Jugendliche in dem Fall sind seltener betroffen also infiziert als Erwachsene und sind nicht Treiber der Pandemie.“ Zitat Yvonne Gebauer, Pressekonferenz vom 21.10.2020 (Hervorhebung FidK). Gute Nachrichten, die Ministerin Gebauer in ihrer Pressekonferenz am 21.10.20 verkündet.

Familien in der Krise begrüßt, dass Frau Gebauer nach Erfahrungsberichten von Eltern, Lehrkräften, Kinderärzten und Schulpsychologen anerkennt, dass Kinder und Jugendliche unter den
Schulschließungen von März bis zu den Sommerferien gelitten haben. Positiv hervorzuheben ist, dass die Schulministerin trotz der in Nordrhein-Westfalen gestiegenen Fallzahlen betont, dass der Präsenzunterricht nicht nur aus Gründen der zu erbringenden Schulleistungen wichtig ist, sondern
auch für die soziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen bedeutend ist. Für manche Kinder stellt er gar die Garantie für eine warme Mahlzeit am Tag dar.


Enttäuschend ist jedoch die Entscheidung, die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung (MNB) für Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 als landesweite präventive Maßnahme wieder einzuführen. „Aus pädagogischen Gründen lehnen wir eine MNB-Pflicht im Unterricht für alle
Jahrgangsstufen ab. Nicht nur im Sprachenunterricht ist die Mimik der Schülerinnen und Schüler wichtig. Auch werden schüchterne und leise Schülerinnen und Schüler sich in vielen Fällen mit Wortmeldungen schwerer tun als es schon ohne Maske der Fall ist. Darüber hinaus werden bei einer MNB-Pflicht im Unterricht Kinder und Jugendliche mit Hörbehinderung noch gravierender benachteiligt, denn sie sind auf das Lippenlesen angewiesen.“, sagt Nele Flüchter, Gründungsmitglied von Familien in der Krise.


Auch die körperlichen Auswirkungen des Tragens einer MNB auf Kinder sind noch vollkommen unklar [1]. Auch von der WHO wird anerkannt, dass es Kinder und Jugendlichen gibt, die durch das Tragen von MNB unter Beschwerden wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Schwindel,
Konzentrationsstörungen, Übelkeit, Hautproblemen usw. leiden [2]. Bestätigt werden diese Erkenntnisse auch durch wissenschaftliche Studien mit medizinischem Personal. Den Studien zufolge verursacht das Tragen einer Maske über längere Zeit Kopfschmerzen [3] und führt sogar zu
einem Abfall der Sauerstoffsättigung im Blut [4].

Schulen seien „sichere Orte“, so Ministerin Gebauer mit Verweis auf die Daten des RKI. Das Infektionsgeschehen an Schulen sei gering. Dies war auch in den vergangenen Wochen seit der landesweiten Aussetzung der MNB-Pflicht im Unterricht der Fall. Vor diesem Hintergrund scheint die Einführung einer MNB-Pflicht im Unterricht unverhältnismäßig und aktionistisch. Statt einer landesweiten Pflicht, wäre auch eine Ausstattung
aller Schulräume mit Luftfiltern als technische Schutzmaßnahme möglich.

Die geplante Ausstattung von Unterrichtsräumen mit solchen mit unzureichender Belüftungsmöglichkeit, die Ministerin Scharrenbach ankündigt, ist begrüßenswert, aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
„Die MNB als von Schülerinnen und Schülern als ‚erfolgreich‘ und ‚akzeptiert‘ zu bezeichnen, erscheint wie ein Hohn. Das Schulministerium unterschlägt damit eine Petition gegen diese MNBPflicht im Unterricht für Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5, die bereits über 45.000 Unterschriften [5] erhalten hat“, sagt Sabine von Thenen, Gründungsmitglied von Familien in der Krise.


Auch das Argument, dass die MNB ein geeignetes Mittel sei, um unnötige Quarantäne zu vermeiden (Schulmail vom 21.10.2020), ist falsch. Nach RKI-Empfehlung führt auch das Tragen einer MNB im Unterricht im Falle eines positiv getesteten Mitschülers im Regelfall nicht dazu, dass eine Quarantäne für die gesamte Klasse vermieden wird [6].


Weiterhin kritisiert Familien in der Krise den langen Zeitraum, für den diese MNB-Pflicht im Unterricht, nämlich bis zum 22.12.20 angekündigt wurde. Es steht zu befürchten, dass diese Verpflichtung auf unbestimmte Zeit verlängert wird. Die Schülerinnen und Schüler erhalten somit keine Perspektive, wann diese MNB-Pflicht wieder abgeschafft wird.
„Die Rechte der Kinder sind laut UN-Kinderrechte-Konvention vorrangig zu berücksichtigen. Die vorgesehene lange Aufrechterhaltung des Präsenzbetriebs entspricht zwar dem Recht auf Bildung, und wir sehen das durchaus als eine positive Entwicklung im Vergleich zu der Situation im Frühjahr und zu den Aussagen zum Vorgehen in einzelnen anderen Bundesländern. Aber die Entscheidung zur MNB im Unterricht verletzt die Kinderrechte wiederum. Die MNB stellt eine starke Beeinträchtigung des Schulfriedens und der Schülerinnen und Schüler im täglichen
Unterrichtsgeschehen dar. Wir fordern daher die Aufhebung der MNB-Pflicht im Unterricht für Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 sowie den vollständig MNB-freien Schulbesuch für alle Grundschüler/innen“, so Stefanie Seifert von Familien in der Krise.


Ernüchternd ist Ministerin Gebauers Aussage, dass sie die Entscheidung über die tatsächlichen lokalen Schließungen von Schulen dem Ermessen von örtlichen Gesundheitsbehörden überlässt. Präsenzunterricht darf bei höheren und hohen lokalen Inzidenzwerten nicht ausfallen, zumal die
festgelegten Grenzwerte an verschiedenen Stellen zu Recht als willkürlich kritisiert werden [7]. Ein Ende der Corona-Krise ist derzeit nicht in Sicht. Lokale Schulschließungen dürfen daher nicht ausschließlich an den allgemeinen Grenzwerten festgemacht werden, sondern müssen die Zahl der schwer erkrankten Personen, sowie das Pandemiegeschehen innerhalb der schulpflichtigen Bevölkerung berücksichtigen. Durch das Mittel der Quarantäne bzw. Isolation von nachweislich Infizierten lässt sich hier die Gefahr weiterer Ansteckungen bereits eindämmen. Auf die wichtige
Nachfrage zur Quarantäneverkürzung für Schülerinnen und Schüler ist die Schulministerin leider nicht eingegangen [8].


Familien in der Krise ist erfreut über das Anerkenntnis der Ministerin, dass an Schulen ein geringes Infektionsgeschehen zu verzeichnen ist, hält daher aber die Schlussfolgerung die MNB-Pflicht einzuführen für falsch. Da Kinder und Jugendliche auch nach Angaben des RKI [9] meist nur milde
oder keine Symptome bei einer Infizierung mit dem Sars-Cov2-Virus aufzeigen, geht damit für sie selbst zumeist kein großes gesundheitliches Risiko einher. Der Arbeitsschutz der Lehrkräfte wiederum kann den Schülerinnen und Schüler nicht aufgebürdet werden. Aufgrund von Ängsten der Erwachsenen die Rechte der Kinder und Jugendlichen wieder stärker einzuschränken, ist abzulehnen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass auch nach sieben Monaten Pandemie weiterhin nur der Präsenzunterricht mit MNB und der Hybrid- bzw. Distanzunterricht als vermeintlich einzige
Optionen gegenübergestellt werden. Alternative Konzepte zu erarbeiten wurde vom Ministerium versäumt.

Kontakt:
Familien in der Krise NRW

Bildquelle: Kyo Azuma auf Unsplash.com

Fußnoten:

1 Familien in der Krise ist nur eine einzige Studie von Goh et al (2020) bekannt, in der der Einfluss von FFP2 auf das
körperliche Wohlempfinden von 7-14 Jährigen untersucht wurde. Obwohl hier nur sehr kurze Zeiträume von 5 bzw. 8
Minuten ohne bzw. bei sehr moderater körperlicher Anstrengung betrachtet wurde, konnte in allen Settings mit Maske
ein kleiner, aber signifikanter Anstieg der Kohlendioxidkonzentration im Blut der Probanden nachgewiesen werden. Die
Ergebnisse der Studie sind schwer auf den Schulalltag übertragbar: zwar tragen die wenigsten Schülerinnen eine FFP2 Maske, der Großteil wird eine Alltagsmaske tragen, jedoch muss sie von Schülerinnen über deutlich längere
Zeiträume und im Sportunterricht bei erheblicher körperlicher Belastung getragen werden. Darüber hinaus gibt es
unseres Wissens keinerlei wissenschaftliche Untersuchungen über die Auswirkungen des Tragens einer Maske oder
einer MNB bei Kindern und Jugendlichen. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6908682/
2 https://apps.who.int/iris/rest/bitstreams/1279750/retrieve
3 Ong et al (2020) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32232837/ sowie Lim et al (2006)
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16441251/
4 Bender et al (2008) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18500410/
5https://www.openpetition.de/petition/online/abschaffung-der-maskenpflicht-im-unterricht-fuer-kinder-ab-der-5-klasse
6 https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Praevention-Schulen.pdf

7 Schrappe et al (2020) https://www.socium.uni-bremen.de/uploads/News/2020/adhoc_Stellungnahme_19102020.pdf
sowie H-J Papier in der NZZ: https://www.nzz.ch/international/hans-juergen-papier-warnt-vor-aushoehlung-dergrundrechte-
ld.1582544 und Oliver Lepsius in der WDR-Sendung „Lockern oder verschärfen? – Welche Corona-
Regeln sind richtig? Ihre Meinung“ (8.10.2020): https://youtu.be/Xwme36rOoAM (ab ca. Minute 53)
8 Eine Stellungnahme von Familien in der Krise zum Thema Isolation und Quarantäne ist hier zu finden
https://www.familieninderkrise.com/2020/10/14/50-000-kinder-in-quarantaene-strategiewechsel-ist-laengstueberfaellig/
9 https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Praevention-Schulen.pdf