Präsenzunterricht bei sinnvollem Infektionsschutz ist das Herz der Schulbildung

Es stand bereits in der Beschlussvorlage der gestrigen Ministerpräsidentenkonferenz: Verpflichtende Klassenteilung für jede Schulart und jede Altersstufe, um das Abstandsgebot auch im Schulalltag konsequent einhalten zu können. Kleine Lerngruppen sind eine Bereicherung – wenn die Voraussetzungen stimmen. In Deutschland stimmen sie nicht. „Klassenteilung bedeutet an vielen Schulen bestenfalls die Hälfte an Unterricht, weniger Feedback, weniger Unterstützung und weniger Gemeinschaft“, beklagt Zarah Abendschön-Sawall von der bundesweiten Initiative „Familien in der Krise“.  Was dies Kinder, Jugendliche und die ganze Gesellschaft kostet, wird in der Debatte nicht berücksichtigt. Dabei ist nicht einmal belegt, dass die Schließung von Schulen oder der Wechsel zwischen Präsenz und Distanzunterricht tatsächlich zur Eindämmung der Pandemie beitragen würde, oder ob ein Wechselmodell nicht sogar zur stärkeren Verbreitung des Virus beitragen würde.

Die negativen Folgen von Schulschließungen, und seien es auch nur Teilschließungen, sind hinreichend belegt. Der Verlust an Bildungszeit geht direkt einher mit mehr Chancenungerechtigkeit. Defizite verstärken sich und gefährden u.U. die ganze weitere Schullaufbahn. Dies kann durch ein Aussetzen von Bewertungen oder ein Ausdünnen des Lehrplans nicht kompensiert werden. Auch Erfahrungen aus der Zeit des Lockdowns in Dänemark und den Niederlanden belegen klar den Wert von Präsenzunterricht. Dabei ist die Digitalisierung dort an den Schulen deutlich weiter fortgeschritten als in Deutschland. Der direkte Kontakt zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen ist gerade in den ersten Schuljahren essentiell und digital nicht zu ersetzen. Nicht vergessen werden darf, dass Schule für viele Kinder einen notwendigen Schutzraum vor familiären Problemen darstellt, der mit dem Wechsel in den Distanzunterricht wegbricht.

Zur Verbreitung des Virus an Schulen existieren bundesweit offensichtlich keine verlässlichen Zahlen. Noch immer basieren die Maßnahmen an Schulen auf Mutmaßungen und groben Schätzungen. Eine aktuelle Untersuchung zur Ansteckung an Schulen aus Rheinland-Pfalz belegt allerdings, dass die Ansteckungsrate an Schulen fast um den Faktor 40 geringer ist als innerhalb der Familie und etwa bei einem halben Prozent liegt. Somit steckt nur eine(r) von 200 infizierten Schüler:innen eine(n) Mitschüler:in an. Auch die Zahlen der Stadt München belegen das immer noch niedrige Infektionsgeschehen an Schulen. Bei einer aktuellen 7-Tage-Inzidenz von 212 in München, hatten zum Stand vom 16.11. nur 88 von 175.000 Schüler:innen das Virus in die Schule getragen und zu Schließung von Klassen geführt. “Präventive teilweise Schulschließungen erscheinen vor dem Hintergrund als Aktionismus für einen Bereich, in dem es kein nennenswertes Infektionsgeschehen gibt, dafür aber Hygienepläne, die offensichtlich gut funktionieren”, so Zarah Abendschön-Sawall. 

Abgesehen von einer Ausweitung der Mund-Nasen-Bedeckung, auch bei Grundschüler:innen am Sitzplatz, und dem Vorschlag, die Klassen wieder zu teilen oder gleich komplett in den Distanzunterricht zu schicken, scheint den Kultusministerien wenig bis gar nichts einzufallen, um langfristig den Präsenzunterricht sicherzustellen. 

Lösungen für die zunehmende Personalknappheit oder eine wirksame bundesweite Teststrategie sind jedoch nicht in Sicht, genauso wenig wie Konzepte, die vom normalen Unterricht abweichen.

Um den Präsenzunterricht für alle Schüler:innen aufrecht erhalten zu können fordern wir:

  • einen flächendeckenden Screening-Ansatz mittels Antigen-Schnelltests in Kombination mit Rückwärts-Kontaktverfolgung und einer sinnvollen Quarantänestrategie zeitnah in den Schulen zu implementieren;
  • die unbürokratische Unterstützung des Schulbetriebs durch Referendare, Studierende und freiberufliche Pädagog:innen, um dem akuten Personalmangel entgegenzuwirken, immer noch vorhandene Lernrückstände aus dem Frühjahr und Sommer aufzuholen und kleinere Gruppengrößen zu ermöglichen;
  • die Nutzung von externen Räumlichkeiten, wo immer dies möglich ist, um entweder kleinere Gruppen oder aber ganze Klassen mit größerem Abstand zu unterrichten.

Die Kultusministerien müssen zusammen mit der ganzen Schulfamilie Konzepte entwickeln, wie Unterricht unter Pandemiebedingungen qualitativ erhalten bleiben kann. Dafür braucht es vor allem auch Vertrauen in die Kenntnisse der Beteiligten vor Ort und dezentral verfügbare Budgets, um im Rahmen allgemeiner Empfehlungen und positiver Vorschlagslisten der Ministerien die bestmögliche Bildung vor Ort sicherzustellen. „Die Situation an einer innerstädtischen Brennpunktschule ist sicher eine andere als an einer dörflichen Grundschule“, so Sabine Kohwagner von Kinder brauchen Kinder. „Die Ministerien sollten deshalb einen Fokus darauf setzen, dass die Schulfamilie vor Ort Ideen umsetzen kann statt möglichst viele Beschränkungen einzuführen.“ Schule im Freien (der Frühling kommt  sicher, ebenso wird uns auch dann noch die Pandemie begleiten), grünes Klassenzimmer, Projektlernen oder Epochenunterricht mit festem Lehrpersonal auch an weiterführenden Schulen und unterstützt von einem Lehrteam sind erste Vorschläge. Diese lassen sich mit wenig Aufwand umsetzen, stärken Schule als positiven Lernort und erleichtern Infektionsschutz durch Bildung von Kohorten.
Gestern wurde die Beschlussvorlage durch die Bundesländer gekippt – aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Bereits nächste Woche ist eine Wiedervorlage geplant. Wieder zittern Eltern vor den nächsten Beschlüssen, wie sie es seit Beginn des Schuljahres fast wöchentlich tun. Die Initiativen fordern daher “Es ist höchste Zeit für eine politische Bildungsgarantie in Pandemiezeiten und der Erarbeitung pandemietauglicher und kindgerechter Schulkonzepte, die eigentlich im Sommer hätte stattfinden sollen. Die Politik muss ihrer Verantwortung diesbezüglich endlich nachkommen.”