Sehr geehrte Frau Ministerin Reimann, sehr geehrter Herr Minister Tonne,

Bitte wundern Sie sich nicht, dass wir heute Sie beide ansprechen. Bildung ist immer auch ein Familienthema. Wir möchten die Zusammenhänge betonen und wünschen uns, dass Sie noch stärker Ihre jeweiligen Zuständigkeiten an einem gemeinsamen Ziel ausrichten.

Wir möchten betonen, dass uns der Gesundheitsschutz sehr wichtig ist und wir verstehen, dass manche Maßnahmen einfach sein müssen. Dennoch glauben wir, dass noch nicht das ganze Potential ausgeschöpft wurde, um die Bildung unter Wahrung eines ausreichenden Gesundheitsschutzes mit möglichst wenig Einschränkungen fortzuführen.

Wir brauchen daher eine langfristige und vor allem belastbare Lösung, die den Infektionsschutz im laufenden Normalbetrieb von Schulen und Kindertagesstätten berücksichtigt. Die Familie kann und darf nicht die Rückfallebene der Gesellschaft sein, Herr Minister Tonne. Das Frühjahr hat gezeigt, dass die Bildung für unsere nächste Generation zu Hause nicht den gleichen qualitativen Anspruch hat wie in der Schule. Die Heterogenität der Haushalte bedeutet nachgewiesenermaßen eine Verschlechterung der Bildungschancen für zahllose Kinder und Jugendliche im Homelearning. Es gibt ein Recht auf Bildung und es ist die Aufgabe der Politik, dies für alle Kinder dieses Landes sicherzustellen. Auch und gerade in schwierigen Zeiten. Und dies betrifft uneingeschränkt auch die vorschulische Bildung.

So gibt es folgende Forderungen:
• Das Recht auf Bildung muss uneingeschränkt gewahrt werden, auch wenn
es ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen gibt.
• Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit müssen dabei berücksichtigt
werden.
• Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss uneingeschränkt gewahrt
werden, denn: Berufstätigkeit mit schulpflichtigen Kindern, die zu Hause
unterrichtet werden müssen, ist unmöglich.

Und ab hier betrifft dieses Thema auch und besonders die Familienpolitik. Es ist endlich an der Zeit, dass die Ministerien für Gleichstellung und Bildung konstruktiv und ressortübergreifend zusammenarbeiten.

Mit den bereits erfolgten Maßnahmen (Schulschließung, 50% Regelung) und dem Ausblick, dass bei erneut steigenden Infektionszahlen wieder genauso reagiert wird, werden die Erfolge für berufstätige Frauen und Mütter nicht nur gebremst, sondern fallen auf ein tradiertes Rollenmodell zurück. Daher ist die vorschulische und schulische Bildung in Krisenzeiten auch Ihr Thema, Frau Ministerin Reimann.

Kann es sich eine krisengeschüttelte Wirtschaft leisten, auf die Arbeitskraft von Frauen zu verzichten? Mit jedem Tag Homelearning muss sich eine Familie fragen, wie sie das stemmen soll. Urlaub und Überstunden sind aufgebraucht und wir sehen einer Situation mit eingeschränktem Schulbetrieb womöglich bis Ostern entgegen. Finanzielle Ausgleiche helfen weder dem Arbeitgeber, der auf die Arbeitskraft verzichten muss, noch den
berufstätigen Frauen, die das Einkommen benötigen und sich beruflich weiterentwickeln wollen.

Die Familien sind im Homelearning vollkommen auf sich gestellt. Frauen werden wie bereits im Frühjahr 2020 überlegen, ihren Job zu kündigen, sich beurlauben zu lassen, erneut Elternzeit zu nehmen oder anderes, um sich adäquat um die Bildung ihrer Kinder kümmern zu können. Manch eine kann vielleicht einen Heimlehrer/ Betreuer finanzieren. Das alles muss man sich jedoch leisten können. Wer das nicht kann oder will, gefährdet die Bildung und Chancen seiner Kinder. Und wer das kann gefährdet seine Karriere. Homelearning kann und darf daher keine ernstgemeinte langfristige Lösung sein, für die Wahrung des Rechts auf Bildung in Krisenzeiten.

Sehr geehrte Frau Reimann und sehr geehrter Herr Tonne, Sie sind gefordert, gemeinsam mit den betroffenen InteressenvertreterInnen kreative Lösungen zu finden und umzusetzen, die das Recht auf Bildung, Chancengleichheit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicher stellen, unter Wahrung des Gesundheitsschutzes, auch in Krisenzeiten.

Gerne wollen wir uns mit Ihnen oder Ihren MitarbeiterInnen treffen, um gemeinsam mögliche Lösungen zu diskutieren.

Hannover, 17.11.2020

Familien in der Krise Niedersachsen