Fußballprofi müsste man sein…
Oder: Was wir an der Umsetzung der Quarantäne-Richtlinien nicht verstehen

Warum werden Schüler:innen eigentlich in Quarantäne geschickt und Fußballer nicht? Warum hilft ein negativer Test nicht, die Quarantänezeit zu verkürzen? Warum muss eigentlich die ganze Klasse in Quarantäne und ist das überall so? Und wie viele Ansteckungen gibt es an KiTas und Schulen überhaupt?

Wenn die Klasse in Quarantäne muss

Fussballer müsste man sein. So wird die Reaktion von Eltern und Schüler:innen sein, wenn die gefürchtete Mitteilung kommt. Ein(e) Klassenkamerad:in wurde positiv auf das Corona-Virus getestet, die ganze Klasse muss in Quarantäne. Eigentlich war es ja nur jemand aus der Parallelklasse, aber in der letzten gemeinsamen Religionsstunde saß das infizierte Kind eben doch im gleichen Raum, weit genug weg zwar, und es hatten auch alle eine MNB an, aber hilft ja nicht. Profi-Fußballer, das wäre es jetzt, dann würde das Gesundheitsamt ganz genau hinschauen, wie groß der Abstand war, wie lange man gemeinsam in einem Raum war, ob auch gelüftet wurde (aber natürlich), ob eine MNB getragen wurde (ist ja Pflicht) und würde dann entscheiden, dass natürlich keine Quarantäne notwendig ist und dem Einsatz im nächsten Spiel am nächsten Tag nichts entgegen steht.

So aber: 14 Tage Quarantäne, laut Anordnung vom Gesundheitsamt auch vom Rest der Familie absondern. Das Essen sollte bitte vor die Zimmertüre gestellt werden. Irgendwann würde hoffentlich jemand vom Gesundheitsamt für einen Test vorbeikommen. Wobei, bis das Ergebnis da ist, sind die 14 Tage rum, und ein negatives Testergebnis verkürzt die Quarantäne ja auch nicht. Immerhin, bald darf ein Elternteil zur Betreuung daheim bleiben und wird zumindest etwas für den Verdienstausfall entschädigt.

Hotspot Schule?

Aktuell sind wohl mindestens 200.000 Schulkinder in Quarantäne, manche Berichte nannten auch 300.000, ganz genau scheint man es nicht zu wissen. Für Kinder in KiTas existieren erst recht keine Zahlen. Noch weniger genau weiß man dann nur, wie viele davon tatsächlich infiziert sind, und die Frage, wie viele sich davon an der Schule oder in der Kita infiziert haben, bleibt unbeantwortet. Aus Rheinland-Pfalz weiß man, dass die Ansteckungsrate an Schulen und KiTas ungefähr im Bereich von 0,5% liegt. Diese Zahl sollte nicht ganz unbeachtet bleiben, belegt sie doch, dass die aktuellen Hygienekonzepte an diesen Einrichtungen funktionieren. Somit stellt sich auch die Frage, ob es wirklich sein muss, dass bei einem Corona-Fall in der Klasse oder der Kita-Gruppe alle für 14 Tage in Quarantäne müssen. Oder ob es nicht reicht, nur die direkten Kontakte wie z.B. Banknachbarn in Quarantäne zu schicken, wie es einige Gesundheitsämter in Deutschland schon praktizieren. Oder ob man sogar der Linie der Gesundheitsämter in Frankfurt am Main und Offenbach folgen könnte, die nur die erkrankten Schüler:innen nach Hause schicken und darauf verzichten, Mitschüler:innen unter Quarantäne zu stellen. Wird, wie in Rheinland-Pfalz festgestellt, tatsächlich nur in ca. einem von 200 Fällen das Virus auch weitergegeben, sollte diese Variante durchaus eine Überlegung wert sein.

Strategiewechsel wird nun auch von Landesparlamenten gefordert

Die Initiativen “Familien in der Krise” und “Kinder brauchen Kinder” haben deshalb schon Ende Oktober einen offenen Brief an Gesundheitsminister Spahn und RKI-Präsident Professor Wieler geschrieben, in dem ein Strategiewechsel bei der Quarantäne-Verordnung für Kinder und Jugendliche gefordert wurde. “Unsere Kernforderungen nach einer Verkürzung der Quarantänezeit, der Möglichkeit die Quarantäne durch einen negativen Test zu beenden und nach einer angepassten Teststrategie wurden inzwischen auch vom Bayerischen Landtag übernommen”, freut sich Stephanie Schläfer von “Kinder brauchen Kinder”. Sie hofft, dass damit auch auf Bundesebene noch einmal Bewegung in die Sache kommt. „Gerade für jüngere Kinder ist die Quarantäne eine enorme Belastung, dürfen sie doch nicht mal eine halbe Stunde ihren Bewegungsdrang auf einem menschenleeren Feld ausleben.

Transparente Zahlen zum Infektionsgeschehen an Schulen und KiTas fehlen

Es ist unverständlich, dass nach einem halben Jahr in der Pandemie immer noch keine systematische Auswertung und transparente Darstellung der Ansteckungszahlen an Schulen und KiTas stattfindet. “Quarantänemaßnahmen an Schulen und KiTas erfolgen offensichtlich nur auf der Basis von Mutmaßungen” so Zarah Abendschön-Sawall von “Familien in der Krise”. Sie fordert: “Bund und Länder müssen hier endlich transparent kommunizieren, wie die Infektionszahlen in den Bildungseinrichtungen in Deutschland aussehen”.

Träumen hilft leider nicht 

Bis entsprechende Änderungen an den Quarantäne-Regelungen für alle Schüler:innen in ganz Deutschland in Kraft sind, müssen diese sich aber weiterhin einem Traum hingeben: Fußballprofi müsste man sein. 


Kontakt:

Zarah Abendschön-Sawall
Familien in der Krise
T: 01516 7803152

Stephanie Schläfer
Kinder brauchen Kinder
T: 01512 0707950