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Sehr geehrter Minister Laschet, sehr geehrter Minister Dr. Stamp, sehr geehrte Ministerin Gebauer,

trotz „Lockdown light“ sinken seit Anfang November die Infektionszahlen nicht wie gewünscht, sondern steigen, besonders bei den älteren Bürger:innen, sogar weiter an. Ein harter Schnitt war die Reaktion auf diese Tatsache.

Dennoch möchten wir Sie bitten: Schauen Sie differenziert auf den Bildungsbereich. Das neue Jahr darf keine Absage an die 2,21 Millionen Schüler:innen und über 600.000 KiTa-Kinder in NRW sein. Bitte treffen Sie punktgenaue Maßnahmen, die alle Kinder und Jugendliche im Blick behalten.

Weiterhin Priorität für Bildung?
In der Pressekonferenz vom 25.11. nach dem letzten Treffen mit den
Ministerpräsident:innen betonte Angela Merkel, dass die Schließung von Kitas und Grundschulen aufgrund der geringeren Infektiösität junger Kinder nicht zur Diskussion stand. Auch Sie haben – sicherlich mit viel Widerstand – an der Bildungs- und Betreuungsgarantie festgehalten.
Wir können uns vorstellen, dass der bundesweite Druck gerade immens ist und es aufgrund der teilweise hohen Infektionszahlen weitreichender Maßnahmen bedarf. Dass sich NRW nicht für den einheitlichen Distanzunterricht ab Klasse 1 entschieden hat, lässt uns hoffen.

Schließung von Bildungseinrichtungen führt zu Bildungsungleichheit
Hätte schlimmer kommen können, darf kein „weiter so“ werden.
Für NRW gilt aber: Wir erkennen eine Tendenz zur Priorisierung des
Bildungsbereiches.

Distanz- oder Wechselunterricht an Schulen und geschlossene Kitas sind ein
immenser Einschnitt in das Leben aller Kinder und Jugendlichen. Hier differenziert die Landesregierung glücklicherweise nach Alter der Schüler:innen. Eine besondere Herausforderung ist der Fernunterricht an Grundschulen. Für Grundschulkinder entspricht dieser schlichtweg nicht einem entwicklungsgerechten Lernen und kann somit nicht dauerhaft Erfolge erzielen.

Einen deutlich größeren Einschnitt wird der Distanzunterricht für Kinder und Jugendliche aus Familien mit weniger Ressourcen bedeuten. Ein-Eltern-Familien, Familien mit geringem Einkommen oder Familien mit wenig Kapazitäten, brauchen Unterstützung. Nur so können wir Bildungsgerechtigkeit dauerhaft gewährleisten.

Wir brauchen einen klaren Fokus auf Kinder, die KiTa und Schule für den
Integrationserfolg brauchen, denen digitale Endgeräte, stabiles Internet1 oder ein Rückzugsort fehlt, Kinder und Jugendliche, die Gewalt in Familien erleben oder mit psychischem Druck konfrontiert sind.

Deshalb kann die Antwort nur eine Rückkehr zum Präsenzunterricht im neuen Jahr lauten. Und genau für diesen Fall brauchen wir eine konsistente
Präventionsstrategie.

Schulen und Kitas tragen nicht wesentlich zum Infektionsgeschehen bei
Zunächst: Studien zeigen, dass weder Kita- noch Schulbesuch zu vermehrten Infektionen führen, darunter auch die vom Robert Koch-Institut und dem Deutschen Jugendinstitut durchgeführte Corona-Kita-Studie: die gestern veröffentlichten Zahlen belegen, dass sich junge Kinder auch bei hohen Infektionszahlen im Umfeld nach wie vor deutlich seltener mit SARS-CoV-2 infizieren2 .

Auch der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften fordert eindringlich, Schulen und Kitas offen zu halten. Er verweist darauf, dass es bei Kindern keine hohe Dunkelziffer gibt und sie sich seltener als Erwachsene gegenseitig anstecken.3 Untersuchungen aus Rheinland-Pfalz4, Frankfurt5 oder Hamburg6 zeigen, dass Infektionen
ihren Ursprung meist nicht an Schulen haben und sich das Virus dort nicht signifikant ausbreitet. Auch in den wöchentlichen Bulletins des Robert Koch-Instituts haben Bildungseinrichtungen als Ansteckungsorte nur eine untergeordnete Bedeutung.

Wir möchten Sie daher bitten, die Zeit des Lockdowns zu nutzen, um wirksame Schutzkonzepte für die vulnerablen Gruppen, analog zum Beispiel Tübingen, zu entwickeln. Zukünftige Maßnahmen zum Schutz vor Covid 19, sollten vor allem die Menschen in den
Blick nehmen, die am meisten betroffen sind.

Schnelltest-Strategie, um Bildung sicher zu stellen
Ein gut durchdachtes Testkonzept mit Antigen-Schnelltests kann, zusätzlich zu den organisatorischen Hygienemaßnahmen, eine hohe Sicherheit für Schulen und Kitas bieten und einen zuverlässigen Präsenzunterricht und frühkindliche Bildung unter Pandemiebedingungen ermöglichen. Wir begrüßen, dass die Landesregierung an der ursprünglichen Teststrategie für den Bildungsbereich bis Jahresende festhält. Daraus resultieren sollte eine gut durchdachte Strategie und eine flächendeckende Versorgung mit
Schnelltests für das neue Jahr.

Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass regelmäßige proaktive Testungen maßgeblich zur Reduktion von Viruseintragungen in feste Gruppen wie Schulen beitragen können. Die Entstehung von Infektionsketten kann somit frühzeitig erkannt und durchbrochen werden.
Der regelmäßige Einsatz von Antigen-Schnelltests an Schulen lässt zudem Rückschlüsse auf das Infektionsgeschehen in den Haushalten außerhalb der Schule zu. Durch gezielte Rückverfolgung können zusätzlich mögliche Quellcluster bzw. Superspreading-Events identifiziert und damit das Infektionsgeschehen in der Gesamtbevölkerung reduziert werden.

Wir bitten Sie daher
● Bauen Sie zeitnah eine Testinfrastruktur für Kitas und Schulen auf.
● Schaffen Sie die rechtlichen und personellen Rahmenbedingungen, um an allen Kitas
und Schulen regelmäßige und optimalerweise selbst durchführbare Screenings zu
etablieren.
● Sichern Sie die Lieferkapazitäten für Schnelltests, um, nach Versorgung der
vulnerablen Bevölkerungsgruppen, auch für die Schulen und Kitas genügend
Schnelltests zur Verfügung zu haben.
● Führen Sie an Kitas und Schulen ein regelmäßiges Screening mit Antigen-
Schnelltests durch und nutzen Sie diese Ergebnisse für eine Rückwärts-
Kontaktverfolgung.

Halten Sie Schulen und Kitas offen!
Bildung ist nicht nur ein Grundrecht, es ist auch Ihre Pflicht, diese für alle Kinder und Jugendlichen im gleichen Maße chancengerecht sicherzustellen. Wir möchten uns insbesondere bedanken, dass die Landesregierung an der Bildungs- und Betreuungsgarantie festhält. In dieser Haltung möchten wir Sie als Initiative für Familien explizit bestärken.
Halten Sie die Schulen und Kitas – wie geplant bis zum 18.12.2020 – auch in einem allgemeinen “harten Lockdown” offen. Auch anderen europäischen Ländern wie z.B. Irland, Belgien und Frankreich ist es gelungen, die Infektionszahlen bei gleichzeitig geöffneten Schulen und Kitas deutlich zu senken.


Heike Riedmann und Nele Flüchter

1 Learning Inequality During the Covid-19 Pandemic
2 Corona-Kita-Studie, Quartalsbericht IV 2020
3 DAKJ Presseinformation – Lasst die Schulen offen!
4 Rheinland-Pfalz: sehr niedrige Übertragungsrate in Schulen / Hygienekonzepte wirken
5 Frankfurt veröffentlicht erste Corona-Infektionszahlen: „Schulen sind keine Hotspots“
6 Schulbehörde wertet Corona-Daten aus, wissenschaftliche Studie soll folgen

Initiative „Familien in der Krise“
https://www.familieninderkrise.com

Bild: Kyo Azuma@tokyo_boy auf unsplash.com