Ein Sparschweinchen für Bildung und Geldspeicher für die Wirtschaft

Die Nachrichten sind voll von Meldungen zu Impfzentren. Innerhalb kürzester Zeit hat es die Bundesregierung geschafft, dieses organisatorische Mammutprogramm auf die Beine zu stellen. Wir sind darüber sehr froh und erleichtert.

Ein bitterer Beigeschmack bleibt aber, wenn wir einen Blick auf die KiTas und Schulen in Deutschland werfen. Seit Beginn der Pandemie sind knapp zehn Monate vergangen. Zehn Monate, in denen man über Lüftungsanlagen, Kohortierungen, Distanz- oder Wechselbetrieb, etc. ausgiebig gestritten hat. Zehn Monate ohne spürbaren Enthusiasmus, ohne nennenswerte Ergebnisse. Zehn Monate Ideen- und Perspektivlosigkeit. Außer Frage steht: Das System war schon davor kaputt gespart. Das deutsche Bildungssystem belegt in der Digitalisierung innerhalb Europas nur Platz 13​.

Ergebnis dieser Planlosigkeit sind nun erneute Diskussionen um KiTa- und Schulöffnungen. ​ Wir müssen aufhören, über Schule als Gesamtkonstrukt zu sprechen. Es sind gezielte Maßnahmen notwendig, die einzelne Bildungsformen und unterschiedliche Problemlagen in den Blick nehmen. Nicht das “ob” ist entscheidend, sondern das “wie”, “wer” und “mit welchen Maßnahmen”. Wir merken wieder deutlich, Familien- und Bildungspolitik hat noch lange nicht den Stellenwert, den sie verdient! Wo bleiben die Messehallen für den Unterricht, die in Rekordzeit umgerüstet werden?”.​– meint Heike Riedmann von Familien in der Krise.

Ach, wären wir doch die Lufthansa!

550 Mio. Euro für die Umrüstung von Lüftungsanlagen2​ ​hat der Bund versprochen. Den Schulen hilft das in dieser Krise aber gar nichts, werden doch nur stationäre Anlagen gefördert, die erst geplant, genehmigt und aufwendig eingebaut werden müssen. Zugegeben, einzelne Bundesländer haben noch “ein paar Euro” für die Erstattung der KiTa-Gebühren, Alltagshelferprogramme oder “Teamlehrer:innen” springen lassen. Gefühlt aber diskutieren wir bei KiTas und Schulen um jeden Cent. Anders sieht es aus, wenn wir uns im Vergleich die Zahlen für Corona-Hilfen für die freie Wirtschaft anschauen. Allein 600 Mrd. Euro3​ ​lässt der Bund hier springen. Davon flossen allein 6 Mrd. Euro im Mai in Stabilisierungsmaßnahmen der Lufthansa​4.​
Für KiTas investiert der Bund 1 Mrd. Euro an Corona-Hilfen zur Gebäudesanierung, den Neu- und Umbau für die Jahre 2020 und 20215​ .​ 2 Mrd. bekommen krisengeplagte Schulen, hinzu kommt eine Aufstockung des Digitalpakts um 600 Mio. Euro6​ ​.
“An dieser Stelle können wir uns über das Ungleichgewicht nur wundern und fragen abermals: Ist uns der Bildungsbereich nur 0,6% dessen wert, was wir ohne große Bauchschmerzen in die freie Wirtschaft investieren? 0,6% als Anteil für die Generationen, die später die Zukunft dieses Landes sichern sollen?”​– fragt sich Sabine Kohwagner von Kinder brauchen Kinder.

Konkret fordern wir:

  • Massive Investitionen in den Bildungsbereich, um marode Gebäude zu sanieren und die notwendige Ausstattung zu finanzieren
  • Eine Auslagerung der logistischen und praktischen Umsetzung der Digitalisierung an Schulen an Dienstleister. Keine pädagogische Fachkraft sollte sich mit der IT-Infrastruktur an Schulen beschäftigen müssen.
  • Unbürokratische Einbindung von Lehramtsstudent:innen und Referendar:innen, um bei Bedarf kleinere Gruppen zu sichern
  • Anmietung von Räumlichkeiten und eine Umrüstung für den schullischen Einsatz, um notwendigen Infektionsschutz sicherzustellen
  • Flächendeckende regelmäßige Schnelltests für den Bildungsbereich
  • Eine Entzerrung des Stundenplans; monatelang versäumter Unterricht darf sichnicht in einem doppelten Leistungsdruck für Kinder und Jugendlicheniederschlagen.
  • Umwandlung von G8-Stufen zu G9.
  • Verantwortungsvolle Öffnung von KiTas und Grundschulen sowie Einrichtungenfür Kinder mit Förderbedarf. Kinder in diesem Alter und dieser Situation brauchen die Förderung und die Struktur von KiTas und Schulen. Diese kann auch durch kein noch so gutes Distanzangebot ersetzt werden..
  • Einen finanziellen Ausgleich für Eltern, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Kinder zuhause betreuen. Homeoffice und Kinderbetreuung sind nicht vereinbar.

Was Hänschen nicht lernt…!

Wir lesen im Bildungsbereich von abstürzenden, nutzerunfreundlichen Lernplattformen, von Lehrkräften, die einen Tunnel zum Breitbandnetz der Straße graben ​oder gemeinsam mit Eltern eine Lüftungsanlage mit Baumarktartikeln bauen​.​ Und genau hier krankt das System. Ganz klar wird, die Prioritäten von Bund und Ländern liegen woanders. Dabei ist es eine Entscheidung, die auch wirtschaftliche Folgen hat. ​Kampf gegen Corona: Größtes Hilfspaket in der Geschichte Deutschlands ​EU-Kommission genehmigt Stabilisierungspaket für die Lufthansa

Das IFO-Institut betitelt den Verlust an Erwerbseinkommen auf 3-4% pro 1⁄3 eines Schuljahres, das verloren geht. Kein Bereich im Bildungswesen hat mehr Investitionen verdient, als der Elementarbereich. Denn gerade hier lohnt sich – mit einer Rendite von 13%​10​ (vgl. etwa 6% pro Gymnasial-Jahr​)​ für die Volkswirtschaft – jeder Cent. Zu keiner anderen Zeit in der Bildungslaufbahn ist das Geld so gut angelegt wie hier, denn dieser Erfolg zieht sich durch das gesamte weitere Leben der Kinder und Jugendlichen.

“Also lasst uns endlich aufhören, um jede Maßnahme, jeden Cent und jede bürokratische Hürde zu diskutieren. Wir brauchen diesen Enthusiasmus, um Kindern und Jugendlichen das zu geben, was sie für ihre Entwicklung, ihre Bildung und wir für die Zukunft unseres Landes brauchen.” – appelliert Heike Riedmann abschließend.

Disclaimer: ​Abschließend möchten wir sagen, dass wir kein “Preisschild” auf Kinder und Jugendliche kleben wollen. Nicht der wirtschaftliche Wert einer Person ist das Entscheidende für unsere Gesellschaft, sondern Respekt, Wertschätzung und ein Menschenbild, das alle Kinder und Jugendliche mit einschließt. Die Verteilung der Mittel macht aber leider sehr anschaulich deutlich, wo die Prioritäten eben nicht liegen.