Seit Montag sind Baden-Württembergs Schulen nach den Weihnachtsferien weitgehend im Distanzunterricht. Zeitgleich startet Österreich in den Schulbetrieb und sichert verlässlichen Präsenzunterricht mit flächendeckenden Schnelltests ab. Mit vorerst fünf Millionen Antigen-Schnellltests sollen sich Österreichs 1,1 Millionen Schüler:innen mindestens einmal pro Woche testen können, freiwillig und eigenständig, ohne Hilfe von medizinischem Personal.1 Der österreichische Bildungsminister Heinz Faßmann hierzu: “Test ist letztlich die einzige Antwort, um über die schwierige Phase bis zur Durchimpfung zu kommen.“

„Hat für eine Gesellschaft Bildung Priorität, dann wird nicht darüber diskutiert, ob Schulen öffnen, sondern nach Wegen gesucht, wie das ermöglicht werden kann“, so Zarah Abendschön-Sawall von der Initiative „Familien in der Krise“ zum Vorstoß in Österreich. „Schon die wenigen Tage erneuter Distanzunterricht haben gezeigt, dass das in den allermeisten Fällen nicht chancengerecht unabhängig von der Unterstützung durch das Elternhaus für die Schüler:innen funktioniert, erst recht nicht bei jüngeren Kindern. Wir begrüßen daher ausdrücklich den Vorstoß der Bildungsministerin, Kitas und Grundschulen nächste Woche wieder zu öffnen.“ Aber auch alle anderen Kinder und deren Familien brauchen eine verlässliche Perspektive.

Die Initiativen “Familien in der Krise” und “Kinder brauchen Kinder” hatten sich schon Ende November letzten Jahres mit einem Positionspapier zu Schnelltests an die Politik gewandt, um chancengerechte Bildung in Präsenz auch in der Pandemie zu ermöglichen.2 Auch die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie fordert Screening Testungen an Schulen.3 Für weiterführende Schulen könnte eine Schnellteststrategie ähnlich wie in Österreich ein wichtiger Baustein für sichere Bildung sein.

Wissenschaftliche Studien legen nahe, dass regelmäßige (idealerweise 2x wöchentlich) proaktive Testungen mittels Antigen-Schnelltest maßgeblich zur früheren Entdeckung ansteckender (infektiöser) Personen führen – noch bevor sie ggf. Symptome zeigen. Somit könnten Eintragungen des Virus in Schulen und Kitas vermieden oder sehr frühzeitig entdeckt werden. Dies wurde bereits in der Hessischen SAFE School Studie gezeigt.4 Bereits im Dezember hatte Bundesgesundheitsminister Spahn angekündigt, dass sich Lehrer:innen und Erzieher:innen künftig selbst auf Corona testen könnten.5 Während Sachsen-Anhalt Selbsttests bereits ermöglicht6 und Österreich regelmäßige Heimtests sogar für Schüler:innen bereitstellt, ist diesbezüglich und trotz ausreichender Vorbereitungszeit in Baden-Württemberg noch nichts geschehen.

Dabei ist bereits mehrfach in Studien gezeigt worden, dass viele auf dem Markt erhältliche Antigen-Schnelltests ohne medizinisches Personal, eigenständig und genauso zuverlässig mit einem sehr einfachen schmerzfreien Nasenabstrich durchgeführt werden können.7 Mit Hilfe einer zielgerichteten Schnelltest-Strategie, z.B. beginnend in Kreisen mit höherer Inzidenz und bei Lehrkräften und älteren Schüler:innen, könnten Eintragungen des Virus’ in Schulen reduziert und Übertragungswege nachvollzogen werden. Auch im Hinblick auf möglicherweise infektiösere Virusvarianten wie bspw. die Mutation aus Großbritannien ist ein regelmäßiges Screening an Schulen von Nutzen zur Pandemiebekämpfung.

„Dass Baden-Württemberg immer noch auf diese Möglichkeit verzichtet und sogar Grundschulen lieber in den Distanzunterricht schickt, ist schlichtweg ein Skandal” so Stephanie Schläfer von “Kinder brauchen Kinder”. Zarah Abendschön-Sawall von „Familien in der Krise“ ergänzt: “Möglichkeiten, die Schulen sicherer zu machen gäbe es viele: Zusätzliches Personal, alternative Raumkonzepte oder ein regelmäßiges begleitendes Screening mit Schnelltests sind nur ein paar der Maßnahmen.” Das Recht der Kinder auf Bildung und Teilhabe darf insbesondere in Zeiten einer Pandemie, die sich über einen derartig langen Zeitraum erstreckt, wie es bei SARS-CoV-2 der Fall ist, nicht einfach ignoriert werden, sondern es müssen sinnvolle und praktikable Lösungen her.

Über „Kinder brauchen Kinder“ und „Familien in der Krise“
„Familien in der Krise“ und „Kinder brauchen Kinder“ sind zwei bundesweit aktive Initiativen, die sich im Zuge der Corona-Krise gegründet haben. Unser Ziel ist es, auf die Bedürfnisse von Familien, Kindern und Jugendlichen während der Corona-Krise und darüber hinaus aufmerksam zu machen und sie ins Zentrum politischer Entscheidungen zu rücken. Wir haben bereits zahlreiche Gespräche mit führenden Politiker:innen aus Bundes- und Landespolitik geführt sowie ein umfassendes Medienecho auf unsere Aktionen erzeugt.

Quellen:
1 Österreichs Corona-Tests für Schüler: „Einfach wie Nasenbohren“
2 Pressemitteilung: Keine Bildung im Blindflug!
3 https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgkh-rolle-von-schulen-kitas-in-der-covid-19-pandemie/
4 https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.12.04.20243410v1
5 https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/guv-19-lp /mpav.html
6https://landesschulamt.sachsenanhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Landesjournal/Bildung_und_Wissenschaft/02_Personalgewinnung/02_01_Lehrkraefte_-_unbefristet/Antigen_Selbsttest.pdf
7 https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.01.06.20249009v1,
https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.12.04.20243410v1,
https://erj.ersjournals.com/content/early/2020/11/26/13993003.03961-2020