Elterninitiativen fordern auch in der Pandemie ein Recht auf Bildung und soziale Teilhabe

Mit der gestrigen Verlängerung der Schließung von Kitas und Schulen in Baden-Württemberg wird Kindern und Jugendlichen das Recht auf Bildung weiter verwehrt und für mehr als zwei Monate ausgesetzt. Die Landesregierung gewährt weiterhin nur bestimmten Kindern im Rahmen der Notbetreuung einen Zugang zu Kitas. Schule findet für nahezu alle Schüler:innen bis nach den Faschingsferien am 21.02. im Distanzunterricht statt. Die angekündigte langsame Öffnung zumindest von Kitas und Grundschulen ab 1.2. wurde aufgrund der am Mittwoch bekannt gewordenen Infektionen in einer Kita in Freiburg gestoppt. Die aufgetretenen Infektionen sind wohl der südafrikanischen Variante zuzurechnen.

„Selbstverständlich muss das Infektionsgeschehen nicht nur, aber auch im Hinblick auf die Mutationen genau beobachtet werden“, so Zarah Abendschön-Sawall von der Initiative „Familien in der Krise“. „Die Rechte von Kindern und Familien auf Teilhabe und Bildung müssen aber dennoch stärker als bisher berücksichtigt werden.“ Anstatt Kitas und Schulen geschlossen zu halten, müssten dringend alle Wege ausgeschöpft werden, um sie sicher zu gestalten, beispielsweise durch eine gezielte Schnellteststrategie, die Anmietung zusätzlicher Räume oder die Entzerrung des Schülertransports anweiterführenden Schulen, betonen die bundesweiten Initiativen „Familien in der Krise“ und „Kinder brauchen Kinder“. „Ausdrücklich begrüßen wir, dass die Landesregierung heute, angekündigt hat, nun endlich Schnelltests an Kitas und Schulen „forcieren“.1 Angesichts der anhaltenden Schließung fehlt uns aber das Verständnis, weswegen dieser Schritt erst jetzt kommt. Statt Wahlkampf auf dem Rücken der Jüngsten zu machen, fordern wir alle Parteien auf, praktikable Lösungen zu finden, um Bildung zu ermöglichen.“

Ministerpräsident Kretschmann hat in der gestrigen Pressekonferenz darauf hingewiesen, dass sich das mutierte Virus auf die gleiche Weise verbreite wie die ursprünglich Variante und daher mit den bekannten Maßnahmen bekämpft werden müsse. In einer Stellungnahme äußerten sich letzte Woche die medizinischen Fachgesellschaften DGPI und DGKH dazu: „Anfänglich geäußerte Befürchtungen, dass diese VOC in Großbritannien überproportional häufig bei Kindern und Jugendlichen nachgewiesen werden, haben sich in nachfolgenden Aufbereitungen epidemiologischer Daten nicht bestätigt. Berichte aus dem Südosten Englands und dem Großraum London ergeben keine Hinweise auf eine Zunahme stationärer Einweisungen von Kindern oder Jugendlichen. Zum jetzigen Zeitpunkt kann angenommen werden, dass die empfohlenen Präventionsmaßnahmen auch gegen neue Virusvarianten wirksam sind. Deshalb wäre es nach aktuellem Datenstand unverhältnismäßig, Schulen und Kitas aufgrund des vereinzelten Nachweises von VOC präventiv zu schließen oder geschlossen zu halten. Vielmehr müssen die bei geöffneten Einrichtungen empfohlenen Maßnahmen konsequent umgesetzt werden.“ 2

„Obwohl sich jüngere Kinder seltener anstecken und kaum schwere Verläufe der Krankheit haben, ist in Schulen nicht einmal Wechselbetrieb unter Wahrung des Abstands angedacht, während im Arbeitsumfeld weiterhin Abstand oder Mund-Nasen-Bedeckung ausreichen. Diese eklatante Ungleichbehandlung von Kindern und Erwachsenen ist nicht weiter zu rechtfertigen“, so Carola Schneider von „Kinder brauchen Kinder“. Die 7-Tage-Inzidenz liegt in Baden-Württemberg derzeit bei 75,6.3 InFreiburg, wo vor über einer Woche die Infektionen im Kita-Umfeld gefunden wurde, die mittlerweile der südafrikanischen Variante zugerechnet werden, liegt diese bei 53,2. Selbst Kindern in Landkreisen mit einer Inzidenz deutlich unter 50 wie dem Hohenlohekreis, dem Kreis Emmendingen oder Baden-Baden wird weiterhin pauschal der Kita- und Schulbesuch verweigert.

Mit der Verlängerung der Schulschließung bis zum 21.2. befindet sich der Schulbetrieb dann mehr als zwei Monate im Distanzunterricht ohne jegliche Perspektive. Eine Untersuchung aus Belgien aus dem ersten Lockdown belegt, dass in neun Wochen „Homeschooling“ bei den Schülern das Wissen aus einem halben Schuljahr verloren geht, Dies trifft vor allem Schüler:innen aus Familien mit weniger Ressourcen.4 Die Grundsteine für Chancengerechtigkeit werden bereits in den Kitas gelegt z.B. durch gezielte Sprachförderung der Jüngsten oder Vorbereitung der Vorschüler:innen, was monatelang für viele Kinder entfällt. Erst diese Woche warnte der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten BVVP: „Leistungsabfall und Versagensängste, Gewichtszunahme und der Wegfall stärkender Ressourcen wie Sozialkontakten zu Gleichaltrigen, Musik oder Sport im Verein aber auch von Angeboten der Jugendhilfe führen zu massiven psychosozialen Beeinträchtigungen bis hin zu psychischen Störungen.“

„Denn gerade hier bei den Kleinsten drohen die sozialen Schäden den pandemischen Nutzen zu übersteigen“, fasste auch Winfried Kretschmann 6 bereits Mitte Januar zusammen. „Dass es nach fast zwei Monaten Schließung keine Öffnungsstrategie gibt und wir nach einem Jahr Pandemie wieder darüber diskutieren, ob wir Bildungseinrichtungen öffnen und nicht wie, ist ein absolutes Armutszeugnis für unsere Gesellschaft“, so Abendschön-Sawall. „Dass der Termin „nach den Faschingsferien“ zudem automatisch auf Kitas übertragen wird, die zu großen Teilen keine Ferien haben, zeigt, dass die Belange von Kita-Kindern eine Nebenrolle spielen.“

Über „Kinder brauchen Kinder“ und „Familien in der Krise“

„Familien in der Krise“ und „Kinder brauchen Kinder“ sind zwei bundesweit aktive Initiativen, die sich im Zuge der Corona-Krise gegründet haben. Unser Ziel ist es, auf die Bedürfnisse von Familien, Kindern und Jugendlichen während der Corona-Krise und darüber hinaus aufmerksam zu machen und sie ins Zentrum politischer Entscheidungen zu rücken. Wir haben bereits zahlreiche Gespräche mit führenden Politiker:innen aus Bundes- und Landespolitik geführt sowie ein umfassendes Medienecho auf unsere Aktionen erzeugt.

Quellen:
1 Pressekonferenz Winfried Kretschmann vom 28.01.2021 https://youtu.be/QIFjXxZtDlw
2 https://dgpi.de/wp-content/uploads/2021/01/DGKH_DGPI-Empfehlung_18_01_2021_v2.pdf
3https://www.badenwuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/PDF/Coronainfos/210128_COVID_Lagebericht_LGA.pdf
4 https://app.handelsblatt.com/politik/deutschland/bildungsstudie-in-neun-wochen-homeschooling-gehtein-halbes-lernjahr-verloren/26848966.html
5 https://bvvp.de/wp-content/uploads/2021/01/20210127-bvvp-PM_Folgerungen-aus-KJP_Befragung-des-bvvp_public.pdf
6 Pressekonferenz vom 14.01.2021: https://youtu.be/18hJbQ1i8l8

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