Die „Initiative Familien in der Krise“ ist schockiert: Der vorläufige Stufenplan für Corona-Lockerungen in Niedersachsen nimmt Familien jede Perspektive auf baldige Erleichterung. Die negativen Auswirkungen der umfassenden Maßnahmen auf Kinder und Jugendliche sind inzwischen weitreichend bekannt. Dennoch und entgegen aller Versprechen spielen ihre Bedürfnisse und Rechte bei der Lockerung keine Rolle. Die niedersächsische Landesregierung macht damit Kinder endgültig zu den Verlierern dieser Pandemie.

„Mit diesem Stufenplan werden Kinder und Familien endgültig im Stich gelassen“, so Sina Denecke, Sprecherin der Initiative „Familien in der Krise“. „Der Plan macht die Versäumnisse der letzten Monate deutlich: Statt die jüngsten, schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu schützen, werden ihre Bedürfnisse und Rechte immer weiter hinten angestellt.“ Der Stufenplan umfasst nach Medienberichten beispielsweise eine Öffnung des Einzelhandels vor Schulen und KiTas. Was ist mit der viel beschworenen Priorisierung von Bildung? Die weiterhin sehr strengen Kontaktbeschränkungen zeigen ebenfalls, dass sich die Entscheider der Auswirkung auf Kinder und Jugendliche nicht bewusst sind.

Kinder und Bildung offensichtlich nicht wichtig genug

Die Inzidenzen müssen auf unter 25/100.000 fallen, bevor wieder ein täglicher Regelbetrieb für alle Kinder und Jugendliche an Schulen und Kitas aufgenommen wird. „Das dauert zu lange. Wir fragen uns, warum es nach knapp einem Jahr Pandemie scheinbar immer noch nicht möglich ist, Präsenzbetrieb in Schulen und KiTas mit einem umfassenden Hygienekonzept möglich zu machen. Während an anderer Stelle zurecht Milliarden investiert werden, geht der Bildungsbetrieb weitestgehend leer aus. Inzwischen haben wir leider nur noch eine Antwort auf diese Frage: Kinder, Jugendliche und Familien sind offensichtlich nicht wichtig genug.“

Dabei sind die negativen Folgen von Schließungen der Bildungseinrichtungen hinlänglich bekannt: Bildungsverluste, Chancenungerechtigkeit, eine Zunahme von psychischen Störungen bis hin zu einer Zunahme von Gewalt in Familien. Kinder- und Jugendärzt:innen und Lehrkräfte[1] warnen ebenso wie Psycholog:innen. Die fortgesetzten Schulschließungen sind auch volkswirtschaftlich eine untragbare Hypothek, die die Wirtschaftskraft dauerhaft und nicht nur während der Pandemie senkt[2]. Deutschlands wichtigste Ressource ist Wissen, dafür braucht es Bildung.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

„Familien in der Krise“ kritisiert aber nicht nur die folgenschwere Vernachlässigung des Bildungsbereichs. „In der gesamten Debatte und bei allen Entscheidungen kommen die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zu kurz. Sie sind keine kleinen Erwachsenen. Im Gegenteil: Sie haben entsprechend ihrer Entwicklungsstufen besondere emotionale und soziale Bedürfnisse, für die sie Gleichaltrige und Kontakte außerhalb des Elternhauses brauchen[3]“, stellt Sina Denecke klar. Wichtig für die persönliche Entwicklung sowie zum Stressabbau sind auch Sport und Bewegung. Es ist daher unverständlich, dass der Vereinssport ebenfalls erst sehr spät öffnen soll. Schließlich könnten sich hier Minderjährige in festen Kohorten und unter Einhaltung von Hygieneregeln treffen.

Auch das Zeitempfinden von Kindern ist anders: Was sich schon für uns wie ein sehr langes Jahr Pandemie anfühlt, ist für Kinder und Jugendliche eine Ewigkeit. Die Kleinsten können sich gar nicht mehr an ein Leben vor Corona erinnern. Die Lebenswelt von Familien scheint vielen Entscheider:innen in der Politik jedoch fremd zu sein. Doch das ist kein Grund, sich der Verantwortung zu entziehen. Die Familieninitiative fordert daher die Einberufung von Expert:innen für Kinder und Jugendliche in politische Berater- und Entscheidergremien.

Völlige Perspektivlosigkeit für Familien

Eine einfache Rechnung macht die Situation mehr als deutlich: Im letzten Schuljahr waren die meisten Minderjährigen rund vier Monate zuhause – ohne KiTa oder Schule, ohne Sport, ohne Kultur, ohne Freunde. Dieses Schuljahr sind es bereits zwei Monate. Das macht mit insgesamt sechs Monaten 50 Prozent der Gesamtzeit der Pandemie aus – und der Stufenplan verspricht nicht die geringste Perspektive auf eine baldige Verbesserung der Situation. Relevante Lockerungen für Familien würden erst ab einer Inzidenz zwischen 25 und 50 stattfinden. Es wäre interessant zu erfahren, wann das Infektionsgeschehen nach Berechnungen der Landesregierung so weit gesunken ist.

„Die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen ist überhaupt nicht gegeben. Es braucht jetzt gemeinsame Anstrengungen, die Schulen und Kitas mit geeigneten kindgerechten Maßnahmen pandemiefest zu machen. Den Kindern und Jugendlichen weiterhin Bildung, Teilhabe und ihre sozialen Kontakte zu verwehren, ist nicht mehr länger hinnehmbar“, so Sina Denecke. „Familien in der Krise” fordert daher: Alle Kinder müssen ab dem 15.02. wieder in die Schulen und Kitas gehen dürfen, zumindest im Szenario B. Sobald Geschäfte und Restaurants öffnen, müssen sofort auch alle Kinder wieder im Regelbetrieb zur Schule und KiTa gehen können. Dafür müssen endlich umfassende Maßnahmen wie bspw. eine Schnellteststrategie, der Einsatz von Lehramtsstudenten oder alternativen Räumlichkeiten umgesetzt[4] werden. Sina Denecke: „Die niedersächsische Landesregierung muss endlich Verantwortung übernehmen. Kinder und Familien brauchen eine Perspektive.“


[1] Gemeinsamer Appell von Kinder- und Jugendärzt:innen und Lehrkräften

[2] Schulschließungen kosten Deutschland 1,5% der Wirtschaftskraft

[3] “Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Entwicklungsschritte passieren in einem bestimmten Zeitfenster.  Dafür brauchen sie – egal ob 5 oder 15 Jahre – andere Kinder. Das Zeitfenster schließt sich aber, egal ob die Entwicklung abgeschlossen ist oder nicht.Wenn sie also Gleichaltrige, ihre soziales Umfeld außerhalb der Familie, länger nicht sehen dürfen, hat es für sie viel umfassendere Konsequenzen als für uns Erwachsene.

[4] Einen umfassenden und fortwährend aktualisierten Maßnahmenkatalog für Schulen und Kitas haben die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) sowie die Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) mit der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) vorgelegt. Diese Maßnahmen müssen umgehend und übergreifend zwischen Bund und Ländern sowie zwischen Kultus-/ und Gesundheitsministerien koordiniert werden, um Kindern und Jugendlichen noch im Februar Bildung und Teilhabe wieder zu ermöglichen.