Wir wenden uns heute an Sie mit dem eindringlichen Appell, die Last der Pandemiebekämpfung von den Schultern der Kinder und Jugendlichen zu nehmen. Denn mit der Verlängerung der Schul- und Kita-Schließungen bis zum 21.2.2021 befinden sich Bildungseinrichtungen dann mehr als zwei Monate im Lockdown ohne jegliche Perspektive!

Dabei sind die Nachteile für Kinder und Jugendliche durch den Lockdown enorm und mittlerweile zahlreich durch wissenschaftliche Untersuchungen und Berichte aus den entsprechenden Institutionen belegt.
Eine Untersuchung aus Belgien aus dem ersten Lockdown belegt, dass in neun Wochen „Homeschooling“ bei den Schüler:innen das Wissen aus einem halben Schuljahr verloren. Dies trifft vor allem Schüler:innen aus Familien mit weniger Ressourcen massiv.1 Die Grundsteine für Chancengerechtigkeit werden bereits in den Kitas gelegt z.B. durch gezielte Sprachförderung der Jüngsten oder Vorbereitung der Vorschüler:innen, was monatelang für viele Kinder entfällt. Außerdem sind bereits für den zweiten Jahrgang an Kindern die Schuleingangsuntersuchungen ausgesetzt, Defizite werden nicht erkannt und notwendige Therapien nicht durchgeführt.

Die Belastung für Kinder und Jugendliche wird von Tag zu Tag größer.
Psychosoziale, emotionale und auch physische Erkrankungen der Kinder nehmen zu. Erst diese Woche warnte der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten BVVP: „Leistungsabfall und Versagensängste, Gewichtszunahme und der Wegfall stärkender Ressourcen wie Sozialkontakte zu Gleichaltrigen, Musik oder Sport im Verein aber auch von Angeboten der Jugendhilfe führen zu massiven psychosozialen Beeinträchtigungen bis hin zu psychischen Störungen.“2 Paul Plener, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien im ORF-Radio: „Es kommen mehr, und die Zustandsbilder sind deutlich akuter und schwerer ausgeprägt, sodass Patienten, die weniger akut sind, aber trotzdem einer stationären Aufnahme bedürfen würden, natürlich auch nachgereiht werden müssen im Sinne einer gewissen Triagierung.”3 Auch in Baden-Württemberg nehmen die Meldung über überlastete Kinder- und Jugendpsychiatrien zu.

Ob Kita- und Schulschließungen einen Anteil am Rückgang der Infektionszahlen haben: Wir wissen es nicht.
Die Inzidenzzahlen der Kinder sinken bereits seit KW50, d.h. bereits seit Anfang Dezember, also vor den Schul- und Kitaschließungen.5 Seit den Kita- und Schulschließungen werden Kinder deutlich weniger getestet als vorher, weil Kinder weniger Kontakte haben, in keiner Schul- oder Kitagruppe sind und daher auch seltener Verdachtspersonen. Daher können die gesunkenen Inzidenzen, die bei Kindern weit stärker ausgefallen sind als bei Erwachsenen, nicht interpretiert werden.6 Die Testzahlen der Erwachsenen sind fast schon wieder auf Vorweihnachtsniveau. Auffällig ist, dass die Positivraten bei getesteten Kindern steigen (was eher für eine höhere unentdeckte Anzahl an Fällen bei Kindern jetzt spricht). Wenn wir Bildungseinrichtungen wieder öffnen und wieder mehr getestet wird, werden auch deswegen die Fallzahlen bei Kinder erneut steigen. Wenn Kinder überproportional zum Infektionsgeschehen beitrügen, müssten auch die Fallzahlen bei Eltern und Lehrkräften undderen Altersgruppe sinken gegenüber dem Durchschnitt. Dies ist aber nicht erkennbar. Es scheint so, dass die Schulschließungen bislang keinen messbaren Zusatz-Effekt brachten.

Um so etwas gravierendes wie Einschränkungen des Rechts auf Bildung mit allen negativen Folgen zu rechtfertigen, bräuchte es aus unserer Sicht mindestens eine deutliche Evidenz. Ob eine pauschale Schließung – mit unbekannter Evidenz für den Nutzen aber mit bekannten negativen Folgen – statt Öffnungen mit sinnvollen Hygienekonzepten juristisch noch lange haltbar sein wird, darf außerdem bezweifelt werden, wie jüngst ein Urteil des Verfassungsgerichtshofs Nordrhein-Westfalen zeigt.7

Die neuen Coronavirusvarianten betreffen Erwachsene ebenso wie Kinder.
Die neuen Coronavirusvarianten sind zum Teil ansteckender, jedoch trifft dies auf alleAltersklassen zu.8 In einer Stellungnahme äußerten sich am 18.01.2021 die medizinischen Fachgesellschaften DGPI und DGKH dazu: „Anfänglich geäußerte Befürchtungen, dass diese VOC in Großbritannien überproportional häufig bei Kindern und Jugendlichen nachgewiesen werden, haben sich in nachfolgenden Aufbereitungen epidemiologischer Daten nicht bestätigt. Berichte aus dem Südosten Englands und dem Großraum London ergeben keine Hinweise auf eine Zunahme stationärer Einweisungen von Kindern oder Jugendlichen. Zum jetzigen Zeitpunkt kann angenommen werden, dass die empfohlenen Präventionsmaßnahmen auch gegen neue Virusvarianten wirksam sind. Deshalb wäre es nach aktuellem Datenstand unverhältnismäßig, Schulen und Kitas aufgrund des vereinzelten Nachweises von VOC präventiv zu schließen oder geschlossen zu halten. Vielmehr müssen die bei geöffneten Einrichtungen empfohlenen Maßnahmen konsequent umgesetzt werden.“

Kindgerechte Infektionsschutzmaßnahmen für KiTas und Schulen sind nach einem Jahr Pandemie immer noch nicht umgesetzt.
Umfangreiche Empfehlungen für kindgerechte Infektionsschutzmaßnahmen für einen pandemiesicheren Kita- und Schulbetrieb aber z.B. auch zur Entzerrung des Schülertransports haben die medizinischen Fachgesellschaften unter anderem derKrankenhaushygieniker:innen wiederholt vorgelegt10, so dass sich nicht die Frage stellen sollte, ob Bildungseinrichtungen öffnen, sondern lediglich wie im Detail.

Obwohl die rechtlichen Rahmenbedingungen von der Bundesregierung bereits seit Dezember vorliegen, werden in Baden-Württemberg immer noch nicht flächendeckend Schnelltests für einen sicheren Bildungsbetrieb eingesetzt.11 Zusätzlich zur bereits umgesetzten Testung mittels PCR bei Symptomen wäre eine regelmäßige Testung mittels Antigen-Schnelltests insbesondere bei Lehrkräften, Erzieher:innen und älteren Schüler:innen sinnvoll, um infektiöse Personen vor Symptombeginn zu identifizieren. Dabei zeigen verschiedenste Studien, dass eine Selbstentnahme der Lehrkräfte oder Erzieher:innen nach einer Einweisung ohne Probleme möglich ist. „Besonders interessant sei die Erkenntnis, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Test selbst durchführen konnten, weil sie zuvor angeleitet worden seien. Dadurch ist kein medizinisches Fachpersonal nötig.”12 13

Kinder und Jugendliche werden weiterhin systematisch benachteiligt.
Obwohl sich jüngere Kinder seltener anstecken und kaum schwere Verläufe von Covid-19 aufweisen, sind Kitas weiterhin in Notbetrieb und in Schulen findet nicht einmal Wechselbetrieb unter Wahrung des Abstands statt, während im Arbeitsumfeld weiterhin Abstand oder Mund-Nasen-Bedeckung – und das nicht einmal am eigenen Sitzplatz – ausreichen. Während für Erwachsene Homeoffice keine Pflicht wird, weil “nicht alle Beschäftigten problemlos von zu Hause aus arbeiten können, entweder weil sie keinen geeigneten Arbeitsplatz oder Internetzugang haben, oder weil sie unter Einsamkeit oder psychischen Erkrankungen leiden.“14 scheinen genau diese Argumente bei Menschen unter 18 Jahren nicht zu zählen.

Diese eklatante Ungleichbehandlung von Kindern und Erwachsenen ist nicht weiter zu rechtfertigen. Die 7-Tage-Inzidenz liegt in Baden-Württemberg derzeit bei 63,5 (Stand 04.02.)15. In Freiburg, wo vor zwei Wochen die Infektionen im Kita-Umfeld gefunden wurden, die mittlerweile der südafrikanischen Variante zugerechnet werden, liegt diese bei 47,1. Selbst Kindern in Landkreisen mit einer Inzidenz deutlich unter 50 wie Emmendingen, Freudenstadt, Heidenheim oder Baden-Baden wird weiterhin pauschal der Kita- und Schulbesuch verweigert. Dass Kitas bis 21.02. geschlossen sind, weil Schulen Ferien haben, zeigt eindrucksvoll, dass die Jüngsten erneut vergessen wurden.

Dabei betonte sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann bereits im Januar: „Denn gerade hier bei den Kleinsten drohen die sozialen Schäden den pandemischen Nutzen zu übersteigen.” Die Regierung sollte nun transparent überprüfen, welche für Kinder und Jugendliche milderen Mittel zur Eindämmung der Pandemie in Baden-Württemberg möglich sind und inwieweit sie das Recht der Kinder auf Bildung und soziale Teilhabe, wie laut UN-Kinderrechtskonvention gefordert, vorrangig berücksichtigen wird.

Unsere Forderungen an Sie als gewählte Vertreter:innen des Landtags BW:
Setzen Sie sich dafür ein, dass Kinderrechte wieder gewahrt werden. Dass dieMaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nachvollziehbarer und verhältnismäßiger werden. Dass wir alles tun, um die nachwachsende Generation zu schützen und zu schonen.

Wir fordern Sie auf:

  1. Finden Sie mildere und verhältnismäßige Mittel zur Eindämmung der Pandemie für Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg.
  2. Beenden Sie sofort die vorsorglichen Schließungen von Bildungseinrichtungen (Schulen und Kitas).
  3. Sorgen Sie dafür, dass kindgerechte Infektionsmaßnahmen unverzüglich und woimmer möglich umgesetzt werden.

Die Initiativen “Familien in der Krise” und “Kinder brauchen Kinder”

Über uns „Familien in der Krise“ und „Kinder brauchen Kinder“ sind zwei bundesweit aktive Initiativen, die sich im Zuge der Corona-Krise gegründet haben und gemeinsam den Verein „Initiative Familien“ gründen. Unser Ziel ist es, langfristig auf die Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und Familien aufmerksam zu machen und sie ins Zentrum politischer Entscheidungen zu rücken. Wir haben bereits zahlreiche Gespräche mit führenden Politiker:innen aus Bundes- und Landespolitik geführt sowie ein umfassendes Medienecho auf unsere Aktionen erzeugt.

Offener Brief als Download

Fotonachweis: Pixabay

Quellen

1https://app.handelsblatt.com/politik/deutschland/bildungsstudie-in-neun-wochen-homeschooling-geht-ein-halbes-lernjahr-verloren/26848966.html
2https://bvvp.de/wp-content/uploads/2021/01/20210127-bvvp-PM_Folgerungen-aus-KJP_Befragungdes-bvvp_public.pdf
3 Immer mehr Kinder leiden unter Lockdowns – wien.ORF.at
4 Kinder- und Jugendpsychiatrie in Offenburg wegen Corona überlastet – Offenburg – Badische Zeitung (badische-zeitung.de)
5.20210126_wochenbericht.pdf (rki.de)
6 So werden wir es nicht erfahren – Jan-Martin Wiarda (jmwiarda.de)
7 https://www.jmwiarda.de/2021/02/02/auf-verdacht-wird-nicht-mehr-lange-reichen/
8 Beispiel B117: Daten aus Dänemark: Erhöhte Übertragung liegt bei ca. 7% bei einer Generationenzeit von 4,7 Tagen. Die Übertragbarkeit ist über alle Altersgruppen erhöht. Daten aus UK: Übertragung pro Tag 6% höher, bei einer Generationszeit von 4,7 Tagen
9 https://dgpi.de/wp-content/uploads/2021/01/DGKH_DGPI-Empfehlung_18_01_2021_v2.pdf
10 https://dgpi.de/wp-content/uploads/2021/01/DGKH_DGPI-Empfehlung_18_01_2021_v2.pdf
11 Keine Bildung im Blindflug! – Familien in der Krise
12 Forschung: Universitätsklinikum Frankfurt am Main (kgu.de)
13 At-home self-testing of teachers with a SARS-CoV-2 rapid antigen test to reduce potential transmissions in schools | medRxiv
14 https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/gewerkschaften-und-arbeitgeber-gegen-homeoffice-100.html fbclid=IwAR1BHjHB5203K51ME1GRldGFJjhCcQNJqx5Df2sc4IFHFF1UMWTtSzPcBa8
15 https://www.baden wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/PDF/Coronainfos/210204_COVID_ Lagebericht_01.pdf