Nur ein Bruchteil der baden-württembergischen Schüler:innen am 22.2. wieder in den Klassenzimmern – “Initiative Familien” fordert zügige Rückkehr zum Präsenzunterricht für alle Klassenstufen

Die Priorität von Kitas und Schulen bei der Lockerung der Corona-Maßnahmen wurde bei der letzten Bund-Länder-Runde erneut betont. Allein für die Kindertagesstätten wird das in Baden-Württemberg auch zum 22. Februar zügig umgesetzt. Die Rückkehr in den Präsenzbetrieb
bei Schulen erfolgt dagegen in sehr kleinen Schritten: Nur Grundschulen werden ab Montag teilweise geöffnet. Für Schüler:innen an weiterführenden Schulen gibt es mit Ausnahme der Abschlussklassen weiterhin keine Hoffnung auf eine baldige Lockerung und dies trotz einer
7 Tage Inzidenz von unter 50 in Baden-Württemberg (Stand: 18.2.2021: 41,6).

Ab kommendem Montag wird nun die Hälfte der Grundschüler:innen sowie die Abschlussklassen wieder in Präsenz unterrichtet. „Von den über 1 Mio. Schüler:innen an allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg wird damit nur ein kleiner Teil wieder im Klassenzimmer sein. Von offenen Schulen kann keine Rede sein,“ so Zarah Abendschön-Sawall von Initiative Familien. „Auch die schrittweise Öffnung der Grundschulen erfolgt in ganz kleinen Trippelschritten.“ Während z.B. Erstklässler:innen in Baden Württemberg normalerweise 24 Wochenstunden Unterricht haben, sind es nun in einer Woche 10 Stunden Präsenzzeit, welche das Kultusministerium Baden-Württemberg vorgibt, in der Folgewoche ausschließlich „Fernlernunterricht“.1

Auch wenn Ministerpräsident Winfried Kretschmann Mitte Januar schon betonte, dass die sozialen Schäden gerade bei den Jüngsten den pandemischen Nutzen zu übersteigen drohen, ist weiterhin keine klare Priorität für Bildung und für Schüler:innen aus Sicht der Initiative Familien zu sehen. „Beim ersten Lockdown hatten viele Schüler:innen in dem halben Jahr von Mitte März bis Mitte September 2020 durch die sehr langsame Öffnung gerade einmal 14 bis 30 Tage Präsenzunterricht und dies auch nur mit reduzierter Stundenzeit und meist in den Kernfächern“, so Zarah Abendschön-Sawall. „Die Befürchtung vieler Eltern, Kinder und Jugendlicher ist groß, dass sich dies wiederholt.“ Die Nachteile des Distanzunterrichts – Lernlücken, Bildungsverlust, eine sich noch verschärfende Chancenungerechtigkeit – sind ebenso bekannt wie die negativen Folgen auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen und deren psychische Gesundheit durch das Wegfallen des „Lebensraums Schule“.

„Wir wissen, dass sich jüngere Kinder seltener anstecken und ältere Jugendliche etwa gleich häufig wie Erwachsene, dass es kaum Übertragungen in Schulen gibt, sondern Infektionen von außen eingetragen werden, und dass das Infektionsgeschehen in den Schulen dem der Gesellschaft nachläuft.2 Warum also nicht alle Schulen mit Hygienekonzepten – wie sie im Arbeitsumfeld ausreichend sind – geöffnet werden können, erschließt sich uns nicht,“ so Zarah Abendschön-Sawall. Die bekannten Hygienemaßnahmen an Schulen3 haben bislang einen
sicheren Schulbetrieb4 ermöglicht und wurden zuletzt sogar nachgeschärft: „Wir begrüßen es ausdrücklich, dass die Landesregierung jetzt zwei anlasslose Schnelltests pro Woche für Lehrer:innen und Erzieher:innen ermöglicht.5 Damit gibt es sogar noch ein zusätzliches Sicherheitsnetz an Schulen, so dass es keinen Grund gibt, Präsenzunterricht weiterhin zu
verwehren.“ Initiative Familien hatte sich seit Monaten für den Einsatz von Schnelltests im Umfeld von Kitas und Schulen ausgesprochen, plädiert allerdings für einen noch niedrigschwelligeren Einsatz als Selbsttests wie es z.B. in Österreich der Fall ist.

„Wir haben zahlreiche Erkenntnisse in den letzten fast 12 Monaten hinzugewonnen und neue Instrumente wie Schnelltests entwickelt und agieren dennoch mit pauschalen Schließungen genauso wie vor einem Jahr ohne Blick auf die negativen Effekte des Lockdowns“, so Zarah
Abendschön-Sawall. Stagnieren die Inzidenzzahlen oder steigen gar wie zuletzt im Hohelohekreis trotz geschlossener Kitas und Schulen aufgrund eines Ausbruches in einem Logistikzentrum, sind Kinder die Verlierer:innen der Pandemie. Denn während die Unternehmen weiter geöffnet bleiben bzw. Friseurbetriebe inzidenzunabhängig zum 1.3. öffnen, sollen nach dem Willen zahlreicher Politiker:innen weitere Öffnungsschritte an den Schulen von Inzidenzzahlen abhängig gemacht werden.

Die Schulschließungen für die Kinder und Jugendlichen im Frühjahr 2020 dauerten 12 Wochen, nun sind bereits 10 Wochen vergangen und es ist immer noch kein Ende in Sicht. Das Versprechen aller Parteien, dass Schulen auch in einer 2. Welle geöffnet bleiben sollen, wurde massiv gebrochen. Das Vertrauen vieler Kinder, Jugendlicher und ihrer Familien in die Politik ist zerstört.

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Über uns
„Familien in der Krise“ und „Kinder brauchen Kinder“ sind zwei bundesweit aktive Initiativen, die sich im Zuge der Corona-Krise gegründet haben und gemeinsam den Verein „Initiative Familien“ gründen. Unser Ziel ist es, langfristig auf die Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und Familien aufmerksam zu machen und sie ins Zentrum politischer Entscheidungen zu rücken. Wir haben bereits zahlreiche Gespräche mit führenden Politiker:innen aus Bundes- und Landespolitik geführt sowie ein umfassendes Medienecho auf unsere Aktionen erzeugt.

Quellen
1 https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/Remote/km/2021_02_11_min-schr eiben_schulbetrieb_ab_22_februar.pdf
2 Aktualisierte Stellungnahme der DGPI und der DGKH zur Rolle von Schulen und KiTas in der COVID-19 Pandemie (Stand 18.01.2021) » DGPI: Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie
3 Die S3-Leitlinie als Handlungsempfehlung für Schulen – BMBF
4 Ausbruchsstatistik in der Meldestatistik des LGA:
Landesgesundheitsamt BW – Statistik der aktuellen Meldewoche (gesundheitsamt-bw.de)
5 Zwei anlasslose Schnelltests pro Woche für Schul- und Kitapersonal: Baden-Württemberg.de (baden-wuerttemberg.de)

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