Hamburg, 26.2.2021

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Tschentscher,

Sie sind als Bürgermeister allen Bürgern dieser Stadt verpflichtet. Nach den neuesten Beschlüssen in der Corona-Krise vernachlässigen Sie aber nach wie vor eine Bevölkerungsgruppe ganz entscheidend: die Kinder und Jugendlichen.

Daher fordern wir: Alle Kinder und Jugendlichen in Hamburg müssen in Kitas und Schulen zurückkehren. Kitas sollen schnellstmöglich in den Regelbetrieb, Grundschulen in den vollen Präsenzunterricht. Für weiterführende Schulen kann für eine begrenzte Zeit ein Wechselmodell umgesetzt werden, bevor auch hier die Rückkehr zum vollen Präsenzunterricht erfolgt.
Hamburg lässt sich länger Zeit als alle anderen Bundesländer. Mitte März werden es drei Monate sein, die die Hamburger Kinder zu Hause verbringen mussten. Verschiedene Studien zeigen, wie groß die Schäden sind, die dadurch entstehen. Bildung und soziale Teilhabe werden den Kindern genommen, Chancengerechtigkeit geht verloren. Bestimmte Entwicklungsschritte werden verpasst und lassen sich nicht nachholen, warnen Fachleute. Psychosoziale, emotionale und auch physische Erkrankungen bei Kindern nehmen zu.[1]
Wir Erwachsenen können das nicht länger zulassen und müssen die Kinder endlich aus ihrer misslichen Lage befreien.

Zumal andere Bundesländer bereits vorangehen. Grundschulkinder im Nachbarbundesland Niedersachsen zum Beispiel werden nach den Hamburger Schulferien Mitte März bereits zwei Monate Vorsprung vor Hamburger Kindern haben, was ihre Rückkehr in die Schulen angeht.

Kinder und Jugendliche zuerst, Erwachsene können warten!

Auch in Hamburg muss der Grundsatz gelten: Kitas und Schulen zuerst! Sorgen Sie dafür, dass Hamburgs Kinder nicht abgehängt werden! Dass ihr Recht auf Bildung zuerst wieder hergestellt wird, bevor es Lockerungen in weiteren Bereichen gibt. Jedes Kind hat ein Recht darauf, die Kleinen in den Kitas, wie die Jüngeren in den Grundschulen, wie auch alle Jugendlichen, ganz gleich welche Klassenstufe sie besuchen. Kein Kind darf zurückgelassen werden.
Eine weitere Schließung ist mit Blick auf die schwierige Lage der Kinder keine Option mehr. Schulausfälle und ihre Folgen werden nicht nur für die Kinder und ihre Familien zur Belastung, sondern auch für Wirtschaft und Gesellschaft. Bildungsökonomen sprechen bereits jetzt von Schäden, die in die Billionen Euro gehen.[2]

Tests können Schulöffnung flankieren

Eine Rückkehr zum Regelbetrieb kann durch eine sinnvolle Teststrategie weiter abgesichert werden, zum Beispiel nach dem Vorbild Österreichs. Dort werden alle Schüler:innen und Lehrer:innen zwei Mal pro Woche mittels Schnelltest getestet.[3] Eine regelmäßige Testung erhöht die Sicherheit für Schüler, Eltern und Schulbeschäftigte und unterstützt die ohnehin hohen Sicherheitsstandards der Hygienekonzepte noch zusätzlich. Bitte sorgen Sie als Bürgermeister dafür, dass Kontingente der Schnelltests für Schulen und Kitas gesichert werden und nicht zuerst in den freien Verkauf gehen.
Zahlreiche Studien belegen, dass Schulen und Kitas nicht die Orte sind, die maßgeblich zum Anstieg der Infektionen beitragen. Die Weitergabe des Virus in Schulen und Kitas kann durch Hygienemaßnahmen und Schnellteststrategien[4] stark eingedämmt werden.

Schulschließungen nicht mehr verhältnismäßig

Die Monate des Lockdowns zeigen auch, dass geschlossene Schulen und Kitas keine geeignete Maßnahme sind, die Inzidenz in der Gesamtbevölkerung weiter zu drücken. Das belegen auch Hamburger Zahlen, die die Antwort des Senats vom 16. Februar 2021 auf eine kleine Anfrage zu Verlauf und Verteilung der Infektionszahlen und der 7-Tage-Inzidenz in der Stadt liefert.[5] In den Altersgruppen 0-2, 3-5 sowie 6-11 Jahre liegt die Inzidenz bereits im Januar und Februar durchweg deutlich unterhalb des Gesamtdurchschnitts der Hamburger Bevölkerung, während die Inzidenzen in den höheren Alterskohorten trotz geschlossener Schulen und Kitas nach wie vor signifikant höher sind. Aus unserer Sicht ist dies ein weiteres gewichtiges Argument gegen fortgesetzte Schließungen: Sie sind nicht geeignet, die Infektionszahlen weiter zu senken und daher nicht mehr verhältnismäßig und zumutbar.

Bitte nehmen Sie Ihre Verantwortung gegenüber den Kindern dieser Stadt wahr.

Für Rückfragen und Gespräche stehen wir jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Initiative Familien, Landesgruppe Hamburg

Kontakt:

[1] zuletzt z.B. die Copsy-Studie des UKE https://www.uke.de/allgemein/presse/pressemitteilungen/detailseite_104081.html

[2] Der Schulausfall wird zur Billionen-Bombe, Spiegel 8.2.2012 https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/corona-lockdown-der-schulausfall-wird-zur-billionen-bombe-a-80ac06c2-1156-4d79-b894-8266a5bac148

[3] Österreichs Teststrategie: https://www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/beratung/corona/selbsttest.html

[4] Eine Konzept für Antigen-Schnelltests in Kitas und Schulen gibt es zum Beispiel hier: https://rapidtests.de/schulkonzept-trace

[5] Schriftliche Kleine Anfrage der Abgeordneten Anna von Treuenfels-Frowein (fraktionslos (FDP)) vom 10.02.2021 und Antwort des Senats vom 16.02.2021 – Drucksache 22/3211 –

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Der 01.02.2021 war der Starttermin unseres neuen Vereins.
Die Initiativen „Familien in der Krise“ und „Kinder brauchen Kinder“, zwei bundesweit aktive Initiativen, die sich im Zuge der Corona-Krise zusammengeschlossen haben, fusionierten und gründeten gemeinsam den bundesweiten Verein „Initiative Familien.“

Unser Ziel ist es, langfristig auf die ​Bedürfnisse von K​indern, J​ugendlichen und Familien aufmerksam zu machen und sie ins Z​entrum politischer Entscheidungen zu rücken. Wir haben bereits z​ahlreiche Gespräche mit Politiker:innen aus Bundes- und Landespolitik geführt sowie ein großes Medienecho auf unsere Aktionen erzeugt.

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